Blümchen statt Fakten

Studium ja oder nein? Das hängt für Schulabsolvent/innen immer häufiger von der Finanzierung ab. Kein Wunder, dass sich findige Verlage daran machen, Ratgeberliteratur auf den Markt zu werfen, die Entscheidungshilfen bieten soll. Auch der BW Verlag hat es versucht.
Beim BW Bildung und Wissen Verlag ist 2007 das Buch "Schweineteuer?! Was ein Studium kostet und wie man es clever finanziert" erschienen. Als Autor zeichnet der Wirtschaftsjournalist Steffen Gerth verantwortlich.
Nicht nur der Titel kommt lässig locker daher, auch das Innenleben des Buches prunkt mit Blümchen und Schweinchen in Signalfarben. Da werden Begriffe bunt markiert, 70er-Jahre-Tapeten bemüht, richtige Wohlfühl-Loungegefühle heraufbeschworen.

Vom Sinn und Unsinn der Gliederung

Wie sieht es nun mit dem Inhalt aus? Gegliedert ist das Buch in Abschnitte wie Studiengebühren, Lebenshaltungskosten, BAföG, Studienkredite, Studienförderwerke, „Jobben und andere Spartipps“ (eine kühne grammatikalische Verknüpfung).
Leider wird diese Struktur nicht immer logisch befolgt. So findet die Leserin das AuslandsBAföG unter „Studiengebühren“ abgehandelt. Ein Interview zu Studiengebühren und Studienkrediten steht wiederum im Abschnitt „BAföG“, etc. Naja.
Tabellen und Übersichten werden in dem Band oft herangezogen, um größere Übersichtlichkeit zu erzeugen. Oder zumindest den Eindruck davon. Denn bei näherer Betrachtung ergeben sich oft mehr Fragen. So sind in einer Tabelle private Hochschulen aufgelistet. Allerdings nur eine Auswahl, ohne dass dies vermerkt wird. Warum fehlen Hochschulen wie die FH des Mittelstand, die Rheinische Fachhochschule, usw.? Welches Kriterium lag der Auflistung zugrunde? Dann wieder der Eindruck schlampiger Recherche. Bei der Auswahl staatlicher Hochschulen (dort wird ausdrücklich darauf hingeweisen) sind Internetadressen aufgeführt, eine Web-Adresse fehlt dann aber z.B. bei der Frankfurter Universität. (Das kann doch nicht schwer zu finden sein, schlicht www.uni-frankfurt.de)

Fehler, Irrtümer und andere Fallstricke

Gravierender als diese Unstimmigkeiten in der Gliederung sind jedoch sachliche Fehler. Das Ergebnis einer simplen Stichprobe bei den Studiengebühren: In Hessen würden „Langzeitstudium-Gebühren bis Sommersemester 2007“ von 500 Euro erhoben, heißt es im Ratgeber. (S. 15) Leider nicht ganz richtig, denn 500 Euro gelten nur für das erste gebührenpflichtige Semester. Ab Semester zwei sind es jedoch 700 Euro und ab dem dritten Semester sogar 900 Euro. Ein kleiner Unterschied. (Siehe: Studieren in Hessen 2006/7: Seite 53, www.hessen.de. Diese Reglung gilt seit Sommersemester 2004.)
Für Sachsen nennt das Buch Zweitstudiumsgebühren von 30 – 450 Euro. Richtig wäre 300 – 450 Euro.

Und so geht es weiter. Verwundert reibt sich die Leserin dann die Augen, wenn es heißt. „1983 fiel das Schüler-Bafög weg - seitdem werden nur noch Ausbildungen in einer Hochschule oder auf dem zweiten Bildungsweg gefördert.“ (Seite 45) Mit Verlaub, einfach falsch. Ein Blick in die offizielle Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung das-neue-bafoeg.de beweist: „Ausbildungsförderung wird geleistet für den Besuch von weiterführenden allgemeinbildenden Schulen (z.B. Haupt-, Real- und Gesamtschulen, Gymnasien) ab Klasse 10,…“ etc., etc.. Siehe: www.das-neue-bafoeg.de

Zur BAföG-Altersgrenze heißt es bei Gerth, „nur wer zu Beginn der Ausbildung das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ist förderungswürdig“. (Seite 47) Auch hier irrt der Autor glücklicherweise. Denn es gibt durchaus Ausnahmen wie „, z. B. für Absolventen des zweiten Bildungsweges, Berufstätige ohne formelle Hochschulzugangsberechtigung, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation an einer Hochschule eingeschrieben worden sind, oder für Personen, die aus persönlichen (z. B. Krankheit) oder familiären (z. B. Kindererziehung) Gründen gehindert waren, die Ausbildung vor Vollendung des 30. Lebensjahres zu beginnen.“ Siehe: www.das-neue-bafoeg.de

Schlechter Rat kann teurer werden

Leider hält der Text mit dem grafischen Furor also nicht mit. An knackigen Formulierungen fehlt es nicht, jedoch an Faktentreue. Und die sind für einen Ratgeber nun mal das A und O. Gerade wenn Studieninteressierte darauf ihre Bildungs-und Lebensplanung stützen wollen.
Da helfen auch nicht die eingestreuten Interviews mit meinungsstarken Experten weiter.
Haben wir hier die Rache des unterbezahlten Redaktionspraktikanten vor uns, der dem Autor schludrige Arbeit untergeschoben hat? Wir wollen doch nicht hoffen, dass dieser sein Handwerk nicht besser beherrscht. Der Leserin kann es letztlich egal sein.

Fazit: nicht empfehlenswert. Bei einem Preis von 12.80 Euro gibt es deutlich bessere und preiswertere Alternativen auf dem Buchmarkt.
(Anne Schulz)

Literaturtipp: www.aim-mia.de





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