Der Traum vom eigenen Radiosender wird Realität

Im neu erschienenen Buch „Podcasting – Das Buch zum Audiobloggen“ erklärt Annik Rubens, wie Radio fürs Internet produziert wird.
Seit 2005 ist die Podcasting-Welle in Deutschland angekommen. Mit simpler Technik und frei zugänglicher Software kann inzwischen jede/r die eigene Homepage zur Radiostation ausbauen. Audio- oder Video-Dateien, die so im Netz zum Abruf bereitgestellt werden, werden Podcasts genannt. (Das Kunstwort Podcast ist gebildet aus dem gängigen MP3-Player IPod und Broadcast = senden). Da Podcasts wie Blogs dieselben technischen Grundlagen (RSS-Feeds) nutzen, wird auch von Audio- oder Video-Blogging gesprochen. Gemeinsam ist Blogs und Podcasts, dass ihre Entwicklung zurzeit noch von einer großen Dynamik im Amateurbereich geprägt ist.

Freiheit von Programmkorsetts

Die Mediennutzer/innen der Zukunft – so eine oft beschriebene Vision – stellen sich ihr Programmmenü nach individuellen Vorlieben zusammen. Sie abonnieren etwa ihre Lieblings-Fernsehsoap, Ratgebermagazine, Sportübertragungen und können dann, wenn sie Zeit und Lust haben, die Sendungen ansehen. Oder sie laden Hörspiele, Features und Hintergrundberichte auf einen MP3-Player, um den täglichen Weg zur Arbeit oder Ausbildung zu versüßen. Dies eröffnet die zeitlich und örtlich flexible Mediennutzung, die Loslösung von starren Programmkorsetts wird Realität. Eine Revolution bahnt sich an, die vor etablierten Rundfunksendern nicht Halt machen wird.

Wie gründe ich einen Sender?

Die Journalistin Annik Rubens (Pseudonym für Larissa Vassilian) gehört mit „Schlaflos in München“ zu den bekannten Podcasterinnen in der deutschen Szene. Sie hat nun beim O’Reilly-Verlag eine praxisorientierte Anleitung veröffentlicht, wie man erfolgreich die neue Technik erobern kann.
Quasi als Appetitanreger stellt Rubens zu Beginn verschiedene Podcasts vor, gibt einen Überblick über die noch junge Podcastlandschaft und verrät, was zu ihren persönlichen Lieblingssendungen (oder „Shows“, wie es die englischsprachige Podcast-Gemeinde nennt) gehört.
Dann geht es hinein in die Produktionspraxis. Die Autorin erläutert die notwendige Geräteausstattung, Software und Dienstleistungsangebote und erklärt - Schritt für Schritt - wie Podcasts konzipiert, aufgenommen, bearbeitet und publiziert werden. Mit Tricks aus der Praxis (wie erzeugt man Aufnahmen ohne zu viele störende Hintergrundgeräusche) und rechtlichen Hinweise (schließlich will sich die Podcast-Elevin ja nicht als Erstes mit der GEMA herumbalgen) bekommen Anfänger eine praxisnahe Einführung und Hilfestellungen, um über die ersten Hürden hinweg zu kommen.
Welche Merkmale gute Podcasts auszeichnet und wie man Hörer findet, also die Werbetrommel für den eigenen Podcast rühren kann, das erfahren die Leser in den folgenden Kapiteln. Noch ist Podcast ein Feld, in dem sich viele ambitionierte Überzeugungstäter tummeln, die sich von privaten Interessen und Spaß an der Sache leiten lassen. Dennoch zeigt ein Blick in die USA, dass mit Podcasts bereits richtig Geld verdient werden kann. Erlösmodelle sind z.B. kostenpflichtiger Abruf, kostenpflichtige Abonnementssysteme, Sponsoring oder Werbeschaltung in Podcasts-Shows, Bannerschaltung auf der Internetseite. Einige dieser Finanzierungsmodelle stellt der Band „Podcasting“ dementsprechend vor.

Ausblick auf das Jahr 2010

Mehr kostenpflichtige Podcasts, das ist auch einer der Zukunftstrends, den die Autorin abschließend im Kapitel „Was bringt die Zukunft?“ beschreibt. Drei weitere: Videocasts werden an Boden gewinnen, bessere Audioqualität und – vielleicht die wichtigste Botschaft – die Hörerzahl wird drastisch ansteigen. Das legen jedenfalls Branchenumfragen nahe, die Rubens zitiert. Zwischen 12,5 und 75 Millionen Hörer/innen weltweit werden für das Jahr 2010 prognostiziert.
Das Fazit der Autorin lautet: „Podcasting ist kein Hype oder Trend, kein Strohfeuer, das bald erlischt. Es ist eine wunderbare Ergänzung der Medienwelt, ein Schritt hin zu mehr menschelnder Authentizität in den Medien und weg von steriler und fehlerfreier Fließbandproduktion.“


Für Einsteiger, Podcast-Fans und neugierige Menschen

Der Band „Podcasting“ ist ideal für Menschen, die Podcasten einfach mal ausprobieren möchten. Sie werden sich schnell überzeugen können, dass ein neues Medienformat nicht automatisch mit komplizierter Technik einhergehen muss. Auch Podcast-Profis werden den einen oder anderen Tipp gerne aufnehmen. Rubens zeigt, dass man nicht ein Technikfreak sein oder die höheren Weihen einer einschlägigen Qualifizierung besitzen muss, um mit der neusten Internetvariante Spaß zu haben und die eigenen Geschichten zu erzählen.
Sympathisch machen das Buch seine plastische Sprache und der pragmatische Zugang zur Technik. (Und wie es sich für eine dem Radio gewidmete Publikation gehört, hat es mit CD-Format die geeignete Form, um auch strenge Audioenthusiasten zu überzeugen.). Abgerundet wird der Text durch eine ausgesprochen benutzerfreundliche Grafik. Fotos und Screenshots dokumentieren, was mit Worten schwer zu fassen ist.
Rubens plaudert aus ihrem Aufnahmestübchen und lädt die Leser ein, von ihren Erfahrungen zu profitieren. Das ist ein großes Plus und zugleich erscheint der häufige Verweis auf „Schlaflos in München“ (oder SiM, wie es der Insider nennt) manchmal redundant. Mag sein, dies ist der angestrebte persönliche Ton – andererseits hätte man sich an der einen oder anderen Stelle auch gewünscht, zu erfahren, wie andere Podcaster/innen arbeiten.
Auf jeden Fall gelingt es Annik Rubens, das große Vergnügen zu vermitteln, mit dem die Podcast-Pioniere zu Werke gehen. Und wer kann schon von sich sagen, ganz am Anfang einer neuen Medien-Revolution dabei zu sein?
Deshalb werden auch diejenigen „Podcasting“ mit Gewinn zur Hand nehmen, die schlicht neugierig sind und endlich einmal wissen wollen, was es mit dem neuen Trend im Medienmarkt auf sich hat, der auf so vielen Branchenforen momentan eifrig debattiert wird.
(Anne Schulz)

Podcasting - Das Buch zum Audiobloggen, O'Reilly Verlag, Köln, 2006, ISBN 3-89721-459-8, 14,90 Euro

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