Gegenwart und Zukunft der Beratung

Der Markt der Beratungsdienstleistungen wächst unvermindert. Für Berater/innen wie Beratungskunden ist es schwer, da den Überblick zu behalten. Das neu erschienene "Handbuch der Beratung" wagt eine erste umfassende Darstellung.
Je größer die Verunsicherung der Individuen und je komplexer die gesellschaftlichen Anforderungen, desto größer wird der Bedarf an professionellem Rat. An Beratung. Es gibt inzwischen Beratungsangebote für alle Lebenslagen- für Familie und Partnerschaft, in Erziehungsfragen, bei der Berufswahl, der beruflichen Neuorientierung, bei Gesundheit/Krankheit, im Alter, bei Gewalterfahrungen und Finanzproblemen. Diese und weitere Felder werden von Fachleuten mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Zielsetzungen beackert.

Die Wissenschaftler Ursel Sickendiek, Frank Engel und Frank Nestmann haben als Herausgeberteam den Versuch unternommen, das weit gefächerte Thema Beratung darzustellen. Ergebnis ist ein zweibändiges „Handbuch der Beratung“ mit insgesamt 1280 Seiten. 85 Autorinnen und Autoren aus Praxis und Wissenschaft kommen zu Wort.

Status Quo und Perspektiven

Der erste Band des Mammutwerkes widmet sich „Disziplinen und Zugängen“. Ausgehend von der Frage nach dem Selbstverständnis der Berater/innen, wird Beratung in den Kontext von Psychologie, Pädagogik, Psychotherapie, Soziologie, Philosophie, Theologie, Medizin, Rechtswissenschaften und Wirtschaftwissenschaften gestellt. Die Vielfalt möglicher Angebote wird noch größer, wenn man diese Disziplinen mit möglichen Zielgruppen und Beratungskonstellationen kombiniert.
In verschiedenen Beiträgen werden die Konsequenzen, die Geschlecht, Alter oder Kultur für die Beratung haben und haben müssen, thematisiert. Ebenso werden die sozialen Beziehungen, die innerhalb der und durch die Beratung aufgebaut werden, beschrieben: personenzentrierte Beratung, systemische Beratung, Gruppenberatung, Selbsthilfe etc.
Abschließend stellen die Autoren die Frage nach den Perspektiven und der Entwicklung der Beratung. Welche ethischen Richtlinien gelten für Beratung? Wie entwickeln sich mediengestützte Beratungsangebote? Und wie sollte es um die Qualifizierung von Berater/innen bestellt sein? sind nur einige der aufgeworfenen Fragen.

Im zweiten Band geht es um „Ansätze, Methoden und Felder“. Hier lässt sich nachlesen, was z.B. unter klientenzentrierter, systemischer, integrativer, kooperativer, lebensweltorientierter, narrativer oder feministischer Beratung zu verstehen ist. Es wird Beratungsforschung, Evaluation und Qualitätssicherung diskutiert. Danach geht es in die Praxisfelder wie Schule, Hochschule, Weiterbildung, Karriere, Erwerbslosigkeit, Erziehung, Familie, Sucht und Drogen, Trauer und Begleitung, Migration, Schulden, Gewalt. Abschließend werden gesetzliche Grundlagen und Finanzierung von Beratung umrissen.

Beispiel: Bildungs- und Berufsberatung

Einblicke in das beraterische Tagesgeschäft liefern etwa die Beiträge rund um Qualifizierung und Arbeitsmarkt. So weist Sabine Stiehler in "Studien- und Studentenberatung" auf den Zusammenhang von Lebensentwürfen und Studienwahl hin: „Der Studienwahlprozess folgt häufig keinem entscheidungslogischen Muster, sondern ist abhängig von Emotionen, Begegnungen, Zufällen, Widerständen, Chaos.“ Neben Informationen über Studienschwerpunkte können Fragen nach Biografiemodellen und Lernmethoden in den Mittelpunkt des Beratungsgesprächs rücken. Stiehler greift auch die Frage nach dem Einfluss der Hochschulleitungen auf und stellt fest, dass die Bedürfnisse der Studierenden bzw. der Bewerber/innen und die Interessen der Hochschulleitungen keineswegs deckungsgleich sein müssen. Möchte die Hochschulleitung eine optimale Kapazitätsauslastung erreichen und die Studienergebnisse verbessern, wollen die Beratungssuchenden dagegen, dass auf ihre „individuellen Wünsche, Probleme und Entscheidungskonflikte“ eingegangen wird.
Ein Konflikt, der sich ebenfalls in der Berufsberatung wiederfinden lässt. In seinem Beitrag „Berufsberatung in internationaler Sicht“ stellt Hubert Haas die Begriffe „persönliche Entwicklung – oder human resources development“ gegenüber. Der Wunsch des Individuums nach sinnstiftender Arbeit kann mit dem Interesse des Staates nach wirtschaftlicher Nutzung des „Human-Kapitals“ kollidieren. Haas gibt einen Überblick über Beratungskonzepte unterschiedlicher Regionen, in denen die Austarierung zwischen persönlichen Interessen und Markt-Anforderungen, vermittelt über die Arbeitsbehörden, ganz unterschiedlich gestaltet ist.

Die Umbrüche der globalisierten Wirtschaft und die daraus erwachsenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und die Arbeitnehmer/innen werden auch in den folgenden Beiträgen über Weiterbildungsberatung, Laufbahnberatung und Erwerbsarbeitslosenberatung aufgegriffen. Hier sind Beratungszweige entstanden, die nicht in erster Linie auf Bewältigung von Lebenskrisen ausgerichtet sind und bei denen Instrumente wie Coaching oder Organisationsentwicklung eingesetzt werden.
Gerade die Weiterbildungsberatung ist in den letzten Jahren – parallel zum Wachstum des Bildungsmarktes zu einem Milliardengeschäft – angestiegen. Christiane Schiersmann und Heinz-Ulrich Thiel beschreiben in ihrem Beitrag „Beratung in der Weiterbildung“ die vielfältige Beratungsangebote durch Bildungsträger, Kammern, Arbeitsagentur, Kommunen, Personalabteilungen in den Unternehmen, etc. Hier sei Transparenz und Zugänglichkeit für alle Bildungskunden, auch aus ländlichen Regionen, erforderlich, so das Autorenteam. Schiersmann/Thiel plädieren deshalb dafür, die bildungspolitische Diskussion um die Rahmenbedingungen der Weiterbildungsberatung voranzutreiben.
Die Beratungsanforderungen bei beruflichen Umbrüchen werden in einigen Beiträgen thematisiert. Leider greift der Beitrag „Arbeitslosenberatung: Entwicklung und Perspektiven“ von Peter Kuhnert insofern zu kurz, als vor allen Gefahren der sozialen Desintegration, der Suchtgefährdung, des Motivationsverlustes und die damit verbundenen Folgen für die beraterische Intervention dargestellt werden. Die Diskussion um die Bundesagentur für Arbeit legt jedoch nahe, dass die Berater/innen der Arbeitsverwaltung und anderer Beratungsinstitutionen eher mit dem Problem zu kämpfen haben, dass auch professionellste Beratung keine Arbeitsplätze herbeizaubern kann. Berater/innen wie Klient/innen müssen sich mit Misserfolgen auseinandersetzen, die nicht auf eindeutige Faktoren wie fehlende Qualifikation, Sucht, Verschuldung etc. zurückzuführen sind. Aber hier wird wohl deutlich, dass selbst einem so umfänglichen Handbuch inhaltliche Grenzen gesetzt sind.

Vielfalt als Programm

Die beiden Bände geben einen umfassenden Überblick über das aktuelle Beratungsgeschehen und seinen Kontext. Eine Pluralität der Ansätze und Konzepte ist dabei durchaus gewollt, gerade die Reibung von unterschiedlichen Haltungen, kann zur Selbstvergewisserung und Weiterentwicklung beitragen. Insofern tauschen die Autor/innen über die Grenzen ihrer Beiträge hinweg Argumente aus, stellen ihre Analysen zur Diskussion. Wie sich die Beratungsarbeit zukünftig entwickeln wird, ist nicht nur von gesellschaftlichen Prozessen abhängig sondern auch vom Diskurs innerhalb der Beratungszunft.
Berater/innen haben sich auch deshalb inzwischen zu Netzwerken zusammengeschlossen und fragen, insbesondere angesichts des Wachstums bei den Beratungsdienstleistungen, nach Qualitätssicherung. Dazu könnte eine Professionalisierung des Beraterberufes beitragen. Ein Modell, wie dies aussehen könnte, lässt sich im Beitrag „Counselling in the United Kingdom and Counselling as it might be“ von Colin Feltham nachlesen, der britische Strategien von Professionalisierung, Qualifizierung und Anerkennung beschreibt und Pro und Contra einer formellen Zulassung umreißt. Befürworter einer standardisierten Anerkennung von Berater/innen führen das Argument der Qualitätssicherung ins Feld. Gegner erklären, die Zertifizierung sei „zentralistisch, bürokratisch und unpersönlich“ und nütze allein den Beratungsinstitutionen; die Interessen der Klienten, z.B. an einem kundenfreundlichen Beschwerde-Verfahren, blieben auf der Strecke. Hier ist die Diskussion sicherlich erst eröffnet.

Die Abbildung der Beratungslandschaft dient dem Ziel der „Information und Wissenserweiterung“, welches die Herausgeber nach eigenen Worten verfolgen. Und sie wollen Material liefern: „Material für Fragen, Antworten, Argumentationen und Kritik“. Diese Absicht haben sie in vollem Maße umgesetzt.
Praktiker/innen wie Wissenschaftler/innen können einen Blick in die Nachbardisziplinen werfen, Anregungen für die eigene Arbeit finden. Von Interesse sind auch viele ergänzende Informationen über Forschungsvorhaben, geplante Qualifizierungsprojekte im Fortbildungs- oder Studienbereich und Literaturhinweise. Hier sind die Bände eine wahre Fundgrube.
Wer sich umfänglich über Beratung informieren möchte, an strategischen Perspektiven der Beratungsarbeit interessiert ist, die eigene Beratungspraxis weiter qualifizieren will, sollte sich das Handbuch unbedingt anschaffen. Die Summe von 82 Euro ist gut investiert.
(Anne Schulz)

Frank Nestmann, Frank Engel, Ursel Sickendiek (Hrsg.), Das Handbuch der Beratung, dgvt-Verlag, Tübingen 2004,
Band 1: Disziplinen und Zugänge, ISBN 3-87159-048-7, 568 Seiten, 36 Euro
Band 2, Ansätze und Methoden und Felder, ISBN 3-87159-049-5, 712 Seiten, 46 Euro
Beide Bände zusammen in Schuber: 3-87159-050-9, 82 Euro

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