Frauen in der Multimedia-Industrie 2004

München - "Kann ich mal die Chefin sprechen?" heißt eine neue Studie über die Multimedia- und IT-Branche. Birgit Poppke und Nicole Comtesse haben von 1997-2004 die Berufschancen von Frauen untersucht.
Die Multimedia-Industrie eröffne Frauen große Chancen, hieß es in der Geburtsstunde der digitalen Wirtschaft. Weibliche Beschäftigte brächten die so wichtige Organisations- und Teamfähigkeit mit, verfügten über Kommunikationstalent. Die Multimedia-Wirtschaft wiederum sei offen für neue Beschäftigungsstrukturen, Familienphasen könnten in innovativen Betrieben leichter eingebaut werden. Soweit die Theorie.

Sieben Jahre später sieht die Lage anders aus. Das Autorinnenduo Poppke/Comtesse stellte fest, dass der Frauenanteil in der Multimedia-Industrie von 1997-2004 gesunken ist: von 40 % auf 22 %. Im gleichen Zeitraum ist der Frauenanteil unter den Führungskräften von 7 % auf 14 % leicht gestiegen.
Dabei macht es einen Unterschied, ob frau in einem kleinen oder mittelgroßen Unternehmen arbeitet: "Je größer ein Betrieb, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eine Chefin zu finden." Geschäftsführerinnen sind am ehesten in sehr kleinen Unternehmen anzutreffen, hier liegt der Durchschnitt über 20 Prozent. Mittelständische Unternehmen werden dagegen so gut wie nie von Frauen geführt, heißt es in der Studie. Die Brachenriesen sind etwas frauenfreudlicher, mit rund 7 % Frauen auf Geschäftführungspositionen - dies führen Fachfrauen auf eine professionellere Personalentwicklung zurück.

Die Autorinnen stellen fest, dass das so genannte "Gender Gap" in der Multimedia-Wirtschaft "tief verwurzelt" sei. Immer noch liegt die Anzahl von Studentinnen in den einschlägigen Fächern deutlich unter der ihrer männlichen Kommilitonen. Aber auch wenn junge Frauen z.B. Ingenieurinnen werden, heißt das noch nicht, dass sie deshalb gute Berufschancen haben. Ihre Arbeitslosenquote ist höher, sie brauchen länger, um in eine leitende Position zu gelangen und - sie verdienen weniger.
Und so lautet das Resümee der Autorinnen: "Die Branche, die für innovative, junge Ideen und dynamisches Wachstum stehen soll, ist in diesem Bereich alles andere als dynamisch."

Interessant sind die vielen Stimmen von Multimedia-Fachfrauen, die Poppke/Comtesse eingefangen haben. So berichtet eine Geschäftsführerin von dem Besuch ihres Vaters in ihrer Firma. "Ihr habt aber viele Sekretärinnen.", staunt dieser. "Das sind keine Sekretärinnen, das sind Projektleiterinnen.", lautet die Antwort der Tochter. Aber nicht nur fachfremde Personen pflegen ihre Vorteile. Frauen müssen mit vielfältigen Hindernissen kämpfen. Erziehungsverantwortung führt zum Karriereknick. So gründen Frauen nach einer Kinderpause eigene Firmen - nicht aus purem Gründergeist, sondern weil sie für sich keine anderen Jobchancen mehr sehen. Zudem werden Leistungen von Frauen weniger beachtet. "Während bei Männern sofort hervorgehoben wird, was sie erreicht haben, wird das gleiche Erreichte bei Frauen oft gar nicht erwähnt.", schildert eine Geschäftsführerin.

Poppke/Comtesse zeichnen ein nüchternes Bild. Die Vergleichszahlen aus den Befragungen 1997 und 2000 zeigen zudem aufschlussreich die Entwicklungslinien der Branche. Noch vor vier Jahren waren die Stimmen sehr viel euphorischer, wurden Kreativität und fehlende Hierarchien gelobt. Davon ist in der neuen Befragung nicht mehr die Rede. Im Jahr 2004 ist Stabilität auf niedrigem Niveau die beste Nachricht, die verkündet werden kann.
Die Studie "Kann ich mal die Chefin sprechen?" ist über den Hightext-Verlag zu beziehen. (Anne Schulz)

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