Wie kommt der Film ins Kino?

Konstanz - Als aktuelle Neuerscheinung im UVK-Verlag: Filmverleih von Anke Hahn und Anna Schierse. Die Publikation schließt eine echte Lücke.
Unter der umfangreichen Fachliteratur zu Medienthemen war bisher nichts einschlägiges über das wichtige Thema zu finden: wie kommt der Film ins Kino? Mit den Autorinnen Anke Hahn und Anna Schierse haben sich zwei Fachfrauen zusammengefunden, die in der Disposition von deutschen Verleihfirmen, Basis-Film Verleih bzw. Tobis Film Berlin, tätig sind. Das Buch stellt die Arbeitsstrukturen und die Marktsituation in der Verleihbranche vor.

Der Band beginnt mit einer kurzen Geschichte des Filmverleihs, die die Funktion des Dienstleitungsgeschäftes zwischen Filmproduktion und Kinobetrieb herausarbeitet. Der Hauptteil des Buches ist den einzelnen Arbeitsbereichen gewidmet. Detailliert berichten Schierse/Hahn wie Filmeinkauf, Rechteverkauf, Materialbeschaffung, Marketing, Pressearbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Disposition vor sich gehen. Im Anschluss werden Filmpolitische Institutionen, Filmförderung und alle Verleihfirmen, die in den letzten Jahren kontinuierlich in der Bundesrepublik tätig waren, vorgestellt.

Als Dienstleister der „Filmherausbringung“, zwischen Filmproduktion und Endverbraucher angesiedelt, müssen Verleihfirmen die Bedingungen von drei „mehr oder weniger eigenständigen Branchen“ im Auge behalten:
- Die Filmproduktion mit der Vielfalt der in- und ausländischen Produzenten,
- die Zweitverwertung über Fernsehen, Video- und DVD-Auswertung und
- die Kinolandschaft mit rund 1800 Betrieben, zu denen Multiplexe ebenso wie Programmkinos gehören.
Zwischen diesen drei Branchen bewegen sich die Verleihfirmen, müssen Angebot und Nachfrage kennen, Interessen und Bedürfnisse der Kinobesucher/innen (164 Millionen jährlich) antizipieren. Dieses komplizierte wirtschaftliche Geflecht, die wechselseitigen Abhängigkeiten, transparent darzustellen, ist einer der großen Vorzüge des neuen Buches.

Die Spannbreite zwischen „kleinen“ und „großen“ Verleihfirmen ist ein wesentliches Merkmal der Verleihlandschaft. Die Zeiten, in denen deutsche Filmproduktionen einen Marktanteil von 47 Prozent erzielen konnten, sind lange vorbei. Heute, vierzig Jahre später, dominieren US-amerikanische Filme mit mehr als 80 Prozent den Kinomarkt. Die Majors unter den Verleihfirmen heißen UIP, Warner, Fox und Buena Vista International. Mittelständische und kleine Verleihe können sich dagegen nur mit einem klaren Profil und einer ausgefeilten Strategie behaupten, so die Autorinnen. „Die großen Verleihfirmen machen ... die Kasse aus, während die unabhängigen und kleinen Verleiher die filmkünstlerische Vielfalt in die Kinos bringen.“

Die Autorinnen bleiben aber nicht bei einer Beschreibung des Status Quo stehen, sondern setzen sich auch mit der Frage auseinander, wie die Einführung digitaler Formate und Technik die Filmlandschaft verändern könnte. Die Interessenlage ist durchaus nicht eindeutig – technische, finanzielle und künstlerische Faktoren spielen eine Rolle. Grundlage einer so erheblichen Umstellung müsste zunächst eine verbindliche technische Norm sein, als Voraussetzung für gesicherte Investitionen. Denn einerseits würden digitale Produktionen zwar erhebliche Einsparungen bei der Filmdistribution ermöglichen. Andererseits müssten die Kinos jedoch hohe finanzielle Mittel aufbringen, um die notwendige Abspieltechnik zur Verfügung zu stellen. Kleinere Kinos und Filmtheaterbetriebe in strukturschwachen Regionen würden dabei wohl auf der Strecke bleiben, oder in einer „permanenten Schulden- und Abhängigkeitsfalle sitzen“, lautet die Prognose der Autorinnen.
Inwieweit digitale Produktionen film-ästhetische Veränderungen mit sich bringen, ist nicht Gegenstand des Buches. Die Marktanalyse allerdings schon. Digitales Kino kann die Programmgestaltung der Kinobetreiber erweitern, ist die Einschätzung der Fachfrauen, es ermögliche Live-Übertragungen von Sport- und Musikveranstaltungen, Low-Budget-Formate hätten möglicherweise neue Marktchancen.
Verleihe jedenfalls würden jedenfalls nicht überflüssig, so Schierse/Hahn, denn: „Auch der digitale Film braucht eine gute Auswahl, eine gute Vermietung und eine gute Ausstattung durch den Verleih.“ Gemischte Aussichten also.

Anke Hahn und Anna Schierse haben das Verdienst, ein Fachbuch im besten Sinne vorgelegt zu haben. Wer sich beruflich mit der Vermarktung von Filmen befasst oder in diesem Feld zukünftig arbeiten möchte, findet in „Filmverleih“ eine praxisnahe Darstellung aller relevanten Fragen. Man kann nachlesen, welche Lizenzverträge geschlossen werden, was in ein Press Kit gehört, wie eine Montagsdispo aussieht und lernt so auf anschauliche Weise die Strukturen der Filmwirtschaft kennen.
Kurz: Der Band gehört in jedes gut sortierte Bücherregal mit Fachliteratur zur Medienbranche und ihren Arbeitsfeldern.
(Anne Schulz)

Anke Hahn, Anna Schierse, Filmverleih, UVK, Mediengesellschaft mbH, Konstanz 2004, ISBN 3-89669-410-3, 19,90 Euro


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