Medienwissenschaften als Berufseinstieg

Berlin - Im Vistas-Verlag ist der Sammelband "Kommunikation in der Praxis" zu Berufsperspektiven in Journalismus und PR erschienen. Mit Ja und Aber.
Ja.
Das Buch beschreibt den Berufsalltag von Menschen in journalistischen, publizistischen Berufen: in 34 Kapiteln stellen 37 Autor/innen ihre Arbeitsgebiete vor: Fernseh-Reporter, Pressesprecher, Wirtschaftsredakteurin, Lektor. Zu den prominenteren Autoren gehören die Leiterin des Pariser ARD-Studios, Marion von Haaren, die sich mit den Chancen von Frauen in Fernsehredaktionen auseinandersetzt, und Hans Leyendecker, der Recherche-Papst und Verfechter des investigativen Journalismus von der Süddeutschen Zeitung.
Das erklärte Ziel der Herausgeberinnen, Karin Böhme-Dürr und Susanne Keuneke, ist es, angehenden Medien- und Kommunikationswissenschaftler/innen Informationen über die vielfältigen Berufsperspektiven zu liefern. Denn, so schreiben sie im Vorwort, die Beiträge sollen "denjenigen Orientierung bieten, die ein medienwissenschaftliches Studium gewählt haben oder sich für ein solches interessieren." Die Autoren stammten aus der Praxis und hätten darüber hinaus "durch Lehr- oder Vortragstätigkeit am Düsseldorfer Lehrstuhl für Medienwissenschaft" Einblicke in die Ausbildung erhalten, also in der universitären Heimat der beiden Herausgeberinnen.
Ganz unverkennbar aus der Praxis berichtet der freie Journalist Hans Hoff, der sich und seinesgleichen als "unentbehrliche Impulsgeber und nützliche Idioten" bezeichnet. Ein Freier brauche Mut und einen Südbalkon, um dort die auftragslosen Zeiten zu überstehen, so Hoff. Er beschreibt plastisch das zwiespältige Verhältnis zwischen Redakteur und freiem Journalisten, Auftragsflauten und -fluten, nicht ausgetragenen Konflikte, Abhängigkeiten und die tief verwurzelte Überzeugung, der jeweils andere habe es besser.
Dagegen sind Ratschläge, die Rainer Mathes künftigen Kommunikationsforschern erteilt, wie: "Heute sein Studium und seine Karriere planen heißt: Visionen entwickeln." etwas wolkig und sicherlich für den Einsteiger gelinde überfordernd. Doch auch Mathes vermittelt einen Überblick über die weitgespannten Betätigungsfelder für Kommunikationswissenschaftler, zum Beispiel in der Unternehmenskommunikation.

Aber.
Als Überblick über die vielfältigen journalistischen und publizistischen Tätigkeitsfelder liefert der Band interessante Einblicke. Dem Untertitel "Gegenwart und Zukunft von Medienberufen" wird er aber keineswegs gerecht. Denn Medienberufe sind bekanntlich nicht nur solche der inhaltlichen Konzeption, sondern auch die vielfältigen Berufsprofile aus Technik, Gestaltung, Management, etc. Und von diesen ist wirklich nur am Rande die Rede, zum Beispiel im Beitrag von Michael Libertus "Recht sendebewusst: Jurist in einer Rundfunkanstalt" , im Kapitel "Online-Agenturen: neue Berufe durch das Internet" von Frederik Tautz und Elke Abels oder bei Monique Masius über "Eventmanagement - Europa und die Medien". Eine kleine Minderheit unter den 34 Beiträgen. Hat hier ein wohlwollendes Lektorat den werbeträchtigeren Untertitel zu verantworten? Eigentlich ist diese Aufbauschung unnötig, denn der Berufsalltag in Redaktion, Lektorat und verwandten Berufen ist schon interessant genug.

Eine Kaufempfehlung also für diejenigen, die sich fragen, was sie mit einem Studium der Medienwissenschaften in der beruflichen Praxis anfangen können. Einschlägig Studieninteressierte, Studierende oder eben Absolvent/innen finden Anregungen und Aufklärung. Die im Anhang aufgeführten Studiengänge sind folglich auch solche der Medien- oder Kommunikationswissenschaft, der Publizistik.
Eine breitere Orientierung über gegenwärtige und zukünftige Medienberufe muss durch weitere Lektüre erworben werden. (Anne Schulz)

Kommunikation in der Praxis, Gegenwart und Zukunft von Medienberufen, herausgegeben von Karin Böhme-Dürr und Susanne Keuneke, Vistas Verlag, Berlin, 2003, ISBN 3-89158-368-0, 18 Euro




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