Was ist dran am 'Mythos Mappe' ?!

Essen - Eine Neuerscheinung bereitet auf das Design-Studium vor: Mythos Mappe, Designstudenten zeigen ihre Bewerbungsmappen, herausgegeben von Volker Pecher und Uli Böckmann, Klartext Verlagsgesellschaft, Essen, ISBN 3-89861-013-6
Vor das Designstudium haben die Hochschulen eine künstlerische Eignungsprüfung gesetzt. Der erste Prüfungsschritt: Vorlage einer Mappe mit eigenen Arbeiten. Viele Studieninteressierte scheitern an dieser Mappe, da sie nicht wissen, welche Leistungen von ihnen erwartet werden, wie sie die scheinbar diffusen Erwartungen unbekannter Professor/innen erfüllen sollen. Nur rund zehn Prozent der Bewerbungen sind erfolgreich und führen zu dem begehrten Studienplatz. "Vorgezogene Diplomprüfung" lautet dementsprechend die Kritik des Design-Studenten Christian Gebel. An Volkshochschulen und bei anderen Bildungsträgern werden inzwischen Mappenkurse angeboten, wo man in die Geheimnisse des Mysteriums Mappe eingeweiht wird und mit anderen Leidensgenossen trainieren kann, das "Richtige" vorzulegen.
Was aber ist die richtige Mappe? Dies ist Gegenstand der neuen Publikation.

In der Einführung kommen zunächst Hochschulprofessorinnen, Designer, Studierende zu Wort, die Mappenerfahrungen aus Sicht der Prüfer und der Bewerber schildern. Daraus lassen sich wichtige Informationen für die eigene Bewerbung ableiten: nicht die säuberliche Zeichnung aus dem Kunstunterricht in der Schule ist gefragt, sondern es sollen Arbeiten vorgelegt werden, die den eigenen kreativen Ansatz dokumentieren. Das können Zeichnungen, Collagen, Ölgemälde oder Fotographien sein. Entscheidend ist der originelle Blick, die Interesse weckende Präsentation.
So nennt Professor Jörg Hundertpfund (Potsdam) die Kriterien Originalität, Improvisationsfähigkeit und Abstraktionsfähigkeit. Und: "Wichtig sind Individuen, Persönlichkeiten mit eigenen Vorstellungen, die nicht mit einem Kopf voller Klischees und Abziehbilder ankommen, die zig andere genauso mitbringen", fordert Professorin Anna Berkenbusch aus Essen. Ihr Kollege, Professor Claudio Lazzeroni, mahnt zusätzlich Ernsthaftigkeit und Sorgfalt an: "Aspekte wie die richtige Dicke des Kartons, sauberes Aufziehen der Arbeiten, das sinnvolle Beschriften, ein Inhaltsverzeichnis beizulegen und dem Ganzen eine Dramaturgie zu verpassen, werden selten beachtet." Aufschlussreich auch der Dialog von Professor Klaus Hesse (Offenbach) mit den Bildern einer exemplarischen Mappe einer - übrigens abgelehnten - Bewerberin. Auch wenn man vielleicht nicht alle Beurteilungen teilen muss, kann man die Entscheidungsfindung nachvollziehen.

Studierende berichten, wie sie ihre Mappe erarbeitet haben. Als sehr hilfreich für den dem Arbeitsprozess wird der Kontakt mit anderen Bewerber/innen und mit fachlich versierten Betrachtern geschildert, die aus dem einsamen Ringen einen Dialog über den Ausdruck, die Suche nach der Form, dem eigenen Stil machen. "Was ich mir erst jetzt eingestehen kann ist, dass ich mich die weitaus meiste Zeit einfach nur davor drückte, für die Mappe zu arbeiten und das aufgrund eines einzigen, schlimmen blockierende Gedanken: Etwas auf ein weißes Blatt Papier zu bringen, das den Professoren gefällt und sie dazu bewegt, mich endlich an der Uni aufzunehmen", erzählt Sonja Kleffner, die vor ihrem Design-Studium ein Praktikum in einer Agentur absolvierte, "Dabei ging es doch eigentlich nicht um sie, sondern um meinen eigenen Stil, den ich finden sollte. Stundenlang saß ich so am Schreibtisch, auf dem Fußboden, bin durch die Gegend gefahren auf der Suche nach einer göttlichen Eingebung". Diese Blockade löste sich dann und es entstand ihr "Tag Traum Buch".

Die Beiträge durchzieht das Pro und Contra zu Mappenkursen, die Diskussion über Nutzen und Gefahren solcher Veranstaltungen. Der vehementen Ablehnung von Prof. Lazzeroni: "Finger davon" stehen Bewerber gegenüber, die offensichtlich vom Besuch solcher Kurse profitieren konnten. Einhellig wird jedoch die Empfehlung ausgesprochen, Mappenbesprechungen bei Hochschulen zu nutzen, um Leistungsniveau und die Anforderungen der einzelnen Hochschulen einschätzen zu lernen.

Der Theorie folgt die Praxis: Im zweiten, dem Haupt-Teil des Buches sind Bewerbungsarbeiten von fünfzig Student/innen dokumentiert. Man erfährt, wo sie sich erfolgreich(!) beworben haben, welche Vorkenntnisse sie mitbrachten. Von Grafikdesign über Modedesign bis zu Produktdesign sind vielfältige Design-Schwerpunkte vertreten. Das Buch wird so zum Bilderbogen der Bewerbungen, ist nicht nur informativ, sondern auch ästhetisch ansprechend. Die Vielfältigkeit der Gestaltungsideen wird augenscheinlich: Die Mutation eines Kartoffelstampfers zum Insekt, eine Foto-Collage zum Thema "Rasender Stillstand"...
Aufschlussreich ist die jeweilige Vorbereitung. Viele Studierende haben zuvor Praktika absolviert, Kurse besucht oder eine einschlägige Ausbildung abgeschlossen. Die Bewerbung direkt nach dem Abitur, "aus dem Stand", scheint nicht zu den erfolgversprechenden Wegen zu gehören. Ein wichtiger Hinweis für Studien-Interessierte, die sich fragen, wie sie sich auf das Studium vorbereiten können oder warum ihre Bewerbungen bisher gescheitert sind.
Fazit: Die richtige Mappe gibt es nicht, aber erfolgversprechendere Wege und solche, die eher in Sackgassen führen.

"Mythos Mappe" bietet einen guten Einstieg in die Bewerbung. Das Buch ist eine kleine Leistungsschau des Designnachwuchses und dokumentiert so das Niveau, mit dem sich Bewerber/innen vergleichen lassen müssen. "Mythos Mappe" hilft dabei, die eigene Strategie zu entwickeln und es macht Mut, der individuellen Kreativität zu folgen. Die Lektüre verspricht natürlich keine Erfolgsgarantie. Aber doch handfeste Anhaltspunkte und Einblicke, wie es andere geschafft haben, einen der gefragten Studienplätze zu bekommen. Und übrigens bereitet es durchaus Vergnügen, die Arbeiten des studierenden Nachwuchses anzusehen und sich an den vielfältigen Blickwinkeln zu erfreuen.
Nachzutragen ist noch der Preis: 38 Euro für 226 Seiten. (Anne Schulz)

www.mythos-mappe.de


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