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Literatur: Rezensionen
Kleine Eisbären und andere Helden
In der UVK-Reihe Praxis Film ist das Buch „Kinderfilm - Stoff- und Projektentwicklung“ von Beate Völcker neu erschienen.

„Der Film ist nicht überragend, aber für einen Kinderfilm o.k. .“ , über solche Einschätzungen kann die Medienpädagogin und Dramaturgin Beate Völcker nur den Kopf schütteln. Allerdings erwiesen sich diese Vorurteile als zäh und langlebig, berichtete Völcker bei der Vorstellung ihres Buches auf der Frankfurter Buchmesse. Immer noch hielten manche Medienmacher Kinder und Jugendliche für ein unkritisches Publikum, dem man unbedenklich auch zweitklassiges vorsetzen könne. Eine professionelle Analyse von Kinderfilmen bleibe dann aus. Die Autorin musste feststellen: viele ihrer Dramaturgen-Kollegen beschäftigen sich kaum mit Kinder- und Jugendfilmen, ja, sie kennen wichtige Filmerzählungen aus diesem Genre überhaupt nicht.

Mit dem neuen Band „Kinderfilm“ will Beate Vöcker nun eine systematische Einführung in Stoffentwicklung und Produktion geben. Und als echte Überzeugungstäterin formuliert sie ein engagiertes Plädoyer für die Bedeutung von Kinder- und Jugendfilmen. Schließlich arbeitet die Autorin nicht nur als Referentin für Kinder- und Jugendfilm beim Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg sondern auch als künstlerische Leiterin des europäischen Stoffentwicklungsprogramms Pygmalion (Kinderfilm, Kinderfernsehen, interaktive Medien). Zudem hat sie Kinderfilmfestivals begleitet, etwa als Mitglied der Auswahlkommission des Berlinale-Kinderfilmfestes.

Die drei Merkmale des Kinderfilms

Was also können wir bei Beate Völcker lernen? Zunächst, was überhaupt ein Kinderfilm ist. Sie definiert drei Kriterien, die Bedeutung für die Entwicklung von Filmideen und ihre Realisierung besitzen.
Erstens sind die Zielgruppe Kinder – das heißt, dass die Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsentwicklung der jeweiligen Altersgruppe beachtet werden muss. Kindergartenkinder sehen die Welt anders wie Zehnjährige. Die Geschichten, Problemstellungen und Erzählstrukturen müssen dementsprechend gestaltet werden. Kinder wissen, wie es ist, Freunde zu haben oder vielleicht auch, sie zu verlieren. Sie setzen sich mit Autoritäten, mit Eltern oder Lehrer/innen auseinander, können sich über Ungerechtigkeiten empören oder für Abenteuer begeistern. Aber sie interessieren sich im Zweifel nicht für romantische Liebesdramen oder erotischen Verwicklungen. Zur erweiterten Zielgruppe zählt Völcker die Eltern, die den Kinobesuch häufig initiieren.
Kriterium Nummer Zwei: Kinder sind Hauptpersonen und entsprechend auch Identifikationsfiguren. Wobei die kleinen Kinogänger/innen sich gerne an etwas Älteren orientieren, so die Autorin, denn sie wollen ja selbst größer, klüger, gewandter werden.
Und drittens: Die Hauptfiguren müssen an ihrem Konflikt wachsen, sie dürfen nicht daran zerbrechen. Diese Eingrenzung der erzählerischen Freiheit hält Völcker für pädagogisch geboten. Soweit der Gegenstand der Betrachtung.

Völcker untersucht die dramaturgischen Strukturen von drei Kinderfilm-Produktionen (Der kleine Eisbär, Kletter-Ida, Tsatsiki – Tintenfische und erste Küsse) und schildert den Blick der jugendlichen Zuschauer/innen anhand von Kinderjurys. Sie zeichnen überraschend oft vermeintlich „schwierige“ und ernsthafte Filme aus. Ein gewichtiges Argument gegen das Vorurteil, Kinder nähmen ihre Welt ausschließlich als knatsche-bund und lustig wahr.

Anspruchsvoll in der Produktion

Der zweite Teil des Buches ist Produktionsstrukturen und Projektplanung gewidmet, behandelt wirtschaftliche Verwertbarkeit, rechtliche Aspekte (Jugendschutz, Alterfreigaben) und Filmförderung. Völcker setzt sich mit den praktischen Problemen auseinander, die Kinderfilmproduzenten bewältigen müssen. Dreharbeiten mit kindlichen Darsteller/innen setzen ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und auch pädagogischen Kenntnissen voraus. Die kleinen Filmhelden können sich nur begrenzt konzentrieren, müssen motiviert, sensibel durch die Höhen und Tiefen der Arbeit begleitet und vielleicht sogar vor Ambitionen überehrgeiziger Eltern geschützt werden. Jugendschutzbestimmungen setzen Grenzen für das täglichen Pensum, verlängern damit die Dreharbeiten und sind ein echter Kalkulationsfaktor.
Zugleich ist etwa die Kino-Verwertung auf die Nachmittagstunden begrenzt. Gründe genug, dass Kinderfilmproduktionen als riskant und schwierig gelten. Um zu zeigen, wie man trotzdem erfolgreiche Projekte auf die Beinen stellen kann, sind in die Publikation Interviews mit Produzentinnen aufgenommen worden. Sie berichten plastisch über die Arbeitsprozesse, sprechen über Stoffentwicklung, Casting, Finanzierung.
Der ausführliche Serviceteil umfasst die Profile der Kinderfernsehredaktionen, von Kinderfilm-Verleihern, Festivals, Institutionen und wird durch ein Verzeichnis der in den letzten fünf Jahren in Deutschland (ko-)produzierten Kinderfilme abgerundet.

Engagiert für das Publikum von morgen

Beate Völcker ist ein echtes Arbeitsbuch gelungen. Die Leser/innen erhalten eine umfassende Einführung in das Feld des Kinderfilms, können sich mit den unterschiedlichen Aspekte der Produktionsstrukturen vertraut machen. Damit liefert sie auch Stoff für vertiefte Diskussionen, möglicherweise auch für kontroverse Debatten. Das Engagement der Autorin, die Zuneigung zu Kindern und die Liebe zu Film verleihen den anschaulichen Schilderungen viel Lebendigkeit. Mehr kann man von einem Fachbuch nun wahrlich nicht verlangen.
Dabei verliert Völcker nie die ökonomischen Rahmenbedingungen aus dem Auge und vertritt keinen romantisch-naiven Ansatz. Dass gute Kinderfilme auch in der Verwertung bestehen müssen, gehört zu den Grundlagen der Projektentwicklung. „Kinderfilm“ macht auch Mut, sich auf neue Terrains zu wagen. Denn schließlich sind die finsteren „bewahrpädagogischen“ Zeiten (1957- 1985) in der Bundesrepublik vorbei, in denen Kindern unter 6 Jahren der Besuch von Kinos verboten war.
Ob die bundesdeutsche Filmförderung dem Beispiel der skandinavischen Förderpolitik folgt (in Dänemark sind 25 Prozent der Filmfördermittel für das jugendliche Publikum reserviert), ob man die systematische Förderung des Kinder- und Jugendfilms in der DDR wieder entdeckt oder ob man schlicht Kinder als kleine Menschen mit eigenen Bedürfnissen und Blickwinkeln ernst nimmt – eine Stärkung und Qualifizierung des Kinderfilmsektors ist wünschenswert und wird langfristig der Kino- und Fernsehlandschaft zu Gute kommen. Schließlich sind die Kleinen die Kinogänger/innen der Zukunft. Beate Völckers Buch schließt nicht nur eine Lücke in der Fachliteratur, es leistet einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung des Kinder- und Jugendfilms.
(Anne Schulz)

Beate Völcker, Kinderfilm, Stoff- und Projektentwicklung, UVK Medien Verlag, Konstanz, 2005, ISBN 3-89699-521-5, 254 Seiten, 19,90 Euro

www.uvk.de



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