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Meldung
Wie kommt das Kind aus dem Brunnen? Hartz und kein Ende
Köln - Eine Gesprächsrunde im Kölner Filmhaus zeigte erneut die strukturellen Probleme der Arbeitsmarktreformen auf. Beschäftigte wie Unternehmen kritisieren, dass Hartz die Medienbranche benachteiligt.

Auf Einladung des Kölner Filmhauses, des VFFVmedia und von AIM diskutierten Expert/innen aus Gewerkschaft, von Unternehmen und der Arbeitsagentur am 10. Dezember 2004 die Folgen der Arbeitsmarktreformen für die Medienbranche.

Bernd Roski von der Arbeitsagentur Köln hatte die unangenehme Aufgabe, die neuen Regelungen dem zweifelnden Publikum zu erläutern. Für die Medienbranche wichtig ist u.a. die Verkürzung der Rahmenfrist auf zwei Jahre. Nur wer zukünftig in diesem Zeitraum 360 Arbeitstage nachweisen kann, kommt in den Genuss von dem einkommensabhängigen Arbeitslosengeld I. Alle anderen erhalten Arbeitslosengeld II auf Sozialhilfeniveau. Bestenfalls, denn vor dem ALG II-Bezug muss, bis auf eine geringe Summe, das eigene Vermögen "verzehrt" werden. Auch die Gründung einer Ich-Ags bietet Arbeitslosengeld II-Empfänger/innen demnächst kaum noch einen Ausweg. Nicht nur eine verschärfte Überprüfung der Gründungskonzepte ist beschlossene Sache, ebenso ist eine Verringerung der Zuschüsse, dann Einstiegsgeld genannt, bereits durch die Arbeitsagentur angekündigt worden. Medienprofis sehen sich zudem mit gelockerten Zumutbarkeitskriterien konfrontiert. Jede legale Arbeit muss von ALG-II-Bezieher/innen zukünftig angenommen werden.
Diese Fakten lassen viele Kritiker zu dem Schluss kommen, dass die Reformen sind nicht auf die Produktionsstrukturen einer von Projektarbeit geprägten Branche abgestimmt sind.

"Das Kind ist in den Brunnen gefallen", beschrieb ver.di- Referentin Veronika Mirschel drastisch die Situation. Ein Ausweg könne darin liegen, tariflich Arbeitszeitkonten zu verankern. Dadurch werden Überstunden zu Arbeitstagen umgewandelt, damit Profis zukünftig die geforderten 360 Arbeitstage innerhalb von zwei Jahren nachweisen können.
Eigentlich müsste sich jedoch die Branche heftig zu Wort melden, so Mirschel, denn schließlich sei die Medienbranche mit ihren flexiblen und bildungsbereiten Beschäftigten doch eine Vorzeigebranche, die den vom Hartz-Bericht vehement eingeforderten Tugenden entspreche.

Kann man sich diese Branche noch leisten!?

Was die Hartz-Reform in der Praxis bedeutet, schilderte plastisch der Produktionsleiter Olav Mann. Alle Beschäftigten am Set, die keine langen Vorbereitungszeiten nachweisen können, würden massive Probleme bekommen. Mann rechnete vor, dass ein Aufnahmeleiter im Jahr bei mindestens 13 Serien-Folgen arbeiten müsse, ein Kameramann müsse fünf Fernsehspiele drehen, um noch Arbeitslosengeld I bekommen zu können. Sein Fazit: viele werden in die Arbeitslosenversicherung einzahlen und nichts mehr herausbekommen.

Die Moderatorin Andrea Stein wies daraufhin, dass bei der Berechnung der Arbeitstage alle Einsätze unterhalb von fünf Tagen, etwa in der Werbefilm-Produktion, überhaupt nicht berücksichtigt würden. Da stelle sich doch für alle Beschäftigten die Frage, so Andrea Stein, ob man sich diese Branche überhaupt noch leisten könne?! Die Gefahr sei doch, dass motivierte und gut qualifizierte Mitarbeiter der Branche den Rücken kehrten.

Auch der VFFVmedia sieht massive Probleme. Das Vorstandsmitglied Konstantin von Ahlefeld urteilte, sowohl Beschäftigte wie Unternehmen hätten sich über die neuen Rahmenbedingungen noch nicht umfassend informiert. Die Branche sei im Bezug auf Hartz noch "das Tal der Ahnungslosen" , so Ahlefeld.

Die Teufelei im Detail

In der folgenden lebhaften Diskussion mit dem Publikum wurde das Konzept der Arbeitszeitkonten auf seine Tauglichkeit hin abgeklopft. Einige bezweifelten, dass die Überstunden überhaupt ausreichen würden. Schließlich könnten die Produktionsunternehmen alle Stunden, die jenseits des gesetzlich Erlaubten liegen, nicht offiziell dokumentieren. Zudem müssten auch die auftraggebenden Sender die veränderten Arbeitszeiten bezahlen. Die Sender müssen mit an den Tisch, forderte Andrea Stein.

Diskutiert wurde ebenso die verschärfte Vermögensanrechung bei Arbeitslosengeld II. Wie werden dabei Arbeitszimmer, Arbeitsmittel, Altersversorgung bewertet? Der tröstliche Hinweis, immerhin dürfe man ein Auto im Wert von 5000 Euro besitzen, löste Gelächter aus.

Sorgen bereiten auch die veränderten Zumutbarkeitskriterien. Zukünftig müssen Erwerbslose jede legale Arbeit annehmen, wenn sie sich nicht Sanktionen einhandeln wollen. Eine anwesende Herstellungsleiterin entwarf folgendes Szenario: Wenn sie heute Verträge für eine Produktion im Frühjahr abschließe und Profis engagiere - wer garantiere ihr, dass diese nicht in der Zwischenzeit von der Arbeitsagentur wegvermittelt würden?!

Und wie kann es weiter gehen?

Doch auch jenseits des Kummerkastens wurde diskutiert. Ein radikaler Vorschlag lautete, gleich alle Medienschaffenden aus der Sozialversicherung zu entlassen. Dann könnten sie ihre Versorgung eigenständig organisieren. Eine Idee, die von Veronika Mirschel zurückgewiesen wurde. Nicht weniger, sondern mehr Versicherungsschutz müsse das Ziel sein.
Einen anderer Ansatz wurde aus Sicht der Personalentwicklung in die Debatte geworfen. Wenn Unternehmen Personal-Sharing betrieben, könnten sie langfristig auf einen Pool an gut qualifizierten und motivierten Mitarbeiter/innen zurückgreifen.

Eines zeigte die Diskussion jedenfalls deutlich. Hartz und die Medienbranche bleibt ein wichtiges, ein bisher ungelöstes Thema. Spätestens wenn viele Profis ihre ersten ALG-II-Bescheide auf dem Tisch liegen haben, wird die Frage sein: aus der Branche abwandern oder strukturelle Veränderungen erreichen?

Das vorläufige Schlusswort gehörte im Filmhaus einem Kameramann. Wenn mein Arbeitsvertrag ausläuft, bin ich zukünftig auf mich selbst gestellt, resümierte er. Es bleibt zu hoffen, dass sich daran noch etwas ändert und das Kind irgendwie doch aus dem Brunnen herausklettert. (Anne Schulz)
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