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Menschen: Interviews
Neuer Studiengang in Halle
Anlässlich des beendeten Erprobungslaufs des neuen Studiengangs „Autorschaft und Multimedia“ an der Universität Halle haben wir zwei der Initiatoren im Interview befragt.

Von Dr. Mathias Buck und Florian Hartling erfahren Sie, welche Form der Ausbildung für Multimedia-Autoren zukünftig in Halle angeboten werden soll, wo innovative Arbeitsfelder zu finden sind und welche Vorraussetzungen angehende Multimedia-Autoren mitbringen sollten.

Interview mit Dr. Mathias Buck

AIM: Herr Dr. Buck, was war die Motivation, den neuen Studiengang „Autorschaft und Multimedia“ einzurichten?

Buck: Das ganze hat eine kleine Vorgeschichte: Während mein Kollege Florian Hartling an seiner Magisterarbeit über Netzkunst und Literatur schrieb, habe ich als Dramaturg am Theater gearbeitet und in Rahmen eines Seminars an der Universität in Halle mit Studenten Drehbücher für eine TV-Soap entwickelt. Davon ausgehend hat Prof. Reinhild Viehoff, der Leiter des Institutes für Medien- und Kommunikationswissenschaften die Idee zu einem neuen Studiengang entwickelt, der die Grundlagen des neuen Textverständnisses im Internet und die neue Art des Schreibens für die neuen Medien behandeln sollte. Sein Ziel war es, einen Studiengang einzurichten, der die neue Form der Autorschaft zum Inhalt hat. Der Multimedia-Autor „schreibt“ nicht nur in Textform, sondern eben auch in der Sprache von Bildern, Animationen, programmierten Elementen. In diesem Bereich wollen wir neue Autoren qualifizieren.

AIM: Was ist dann Inhalt und Ziel des Studiums?

Buck: Es geht im Wesentlichen um drei Bereiche, die inhaltliche Durchdringung der Themen, deren multimediale Gestaltungsmöglichkeiten und die daraus resultierende Programmierung der Multimedia-Produkte. Wir vermitteln unseren Studenten die notwendigen Grundkenntnisse auf diesen Gebieten, die für die Planung und Umsetzung von Multimedia-Produkten erforderlich sind.

AIM: Es handelt sich also nicht um eine „klassische“ journalistische Ausbildung?

Buck: Nein. Wir bieten einen Aufbaustudiengang an, in dem die Studenten in erster Linie aus dem geisteswissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Bereich kommen. Das heißt, die Inhalte werden in der Regel schon beherrscht, gelernt werden müssen aber die neuen Wege, diese Inhalte zu kommunizieren. Wie kann ich Wissen modular und mediengerecht vermitteln. Ein Beispiel: Wir haben in einem Praxisprojekt die Website für PERSPECTV, die Gesellschaft historischer Theater in Europa, erstellt. Da hat sich schnell gezeigt, dass das Theater im Grunde die Multimediaeinrichtung der früheren Jahrhunderte war. Man findet dort Entwicklungen im Bereich Bühnentechnik, die den Bildschnitt vorwegnehmen und damit ganz neue dramaturgische Konzepte erforderlich machten. In einer ähnlichen Situation sind wir auch heute: neue Medientechnik zwingt dazu Autorschaft neu zu definieren. Beim PERSPEKTIV-Projekt ging es uns darum, die kulturhistorische Bedeutung der Theater mit d multimedialen Mitteln darzustellen.

AIM: Sie nennen gerade ein Praxisbeispiel. Wie ist denn die Gewichtung von Praxis und Theorie im Studium?

Buck: Unser Studiengang ist ja an ein klassisches Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften angeschlossen. Daher spielt Theorie bei uns schon eine gewisse Rolle. Zirka ein Drittel der Lehrveranstaltungen behandeln theoretische Fragen, z.B. Medienphilosophie oder Genrefragen. Das zweite Drittel beschäftigt sich mit der Analyse von Multimedia-Anwendungen in Fragen wie Gestaltung, Umsetzung, Wirksamkeit. Der dritte Teil schließlich ist medienpraktischer Art. Unsere Studenten lernen den Umgang mit Anwenderprogrammen, Programmierung und gestalterische Grundlagen.

AIM: Wo liegt in der Praxis der Schwerpunkt?

Buck: Wir konzentrieren uns derzeit vor allem auf die Gestaltung und Programmierung von DVD-ROM. Die bieten im Gegensatz zu Internetanwendungen den Vorteil der Echtzeitdarstellung von Animationen und Filmen und sind daher in multimedialer Hinsicht sehr interessant. Im Netz gibt es noch zu häufig Probleme auf technischer Seite und zu große Unterschiede beim technischen Stand der User. In ein paar Jahren wird das, was derzeit nur auf DVD möglich ist, allgemeiner Standard sein.

AIM: Sie erwähnten schon, dass die Studenten aus dem geistes- und kulturwissenschaftlichen Bereich kommen. Welche Voraussetzungen sollten angehende Multimdia-Autoren denn noch mitbringen?

Buck: An erster Stelle stehen natürlich eine Offenheit gegenüber den neuen Medien und ein großes Interesse an deren Mitgestaltung. Die Scheu im Umgang mit dem Computer und Multimedia-Werkzeugen sollte schon abgelegt sein. Bewerber sollten kreativ sein, sich für künstlerische Prozesse interessieren und natürlich eine ausgeprägte Schreibfähigkeit besitzen.

AIM: In welchen Bereichen arbeiten Ihre Absolventen, wie sieht der Arbeitsmarkt aus?

Buck: Da gibt es im Grunde zwei Bereiche. Unser Studiengang ist geteilt in einen journalistischen Zweig mit dem Berufsziel Online-Redakteur und den Multimedia-Zweig. Mit letzterem wollen wir in erster Linie Segmente des Buchhandels bedienen, die derzeit einem starken Wandel unterzogen sind. Dort hat die Umstellung auf multimediale Produkte gerade erst begonnen. Ein Markt wird zukünftig beispielsweise für interaktive Reise- oder Kunstführer bestehen. Das kann so aussehen, dass Sie eine DVD-ROM mit einer 3D-Navigation für eine Stadt haben und dann per Click Informationen zu den einzelnen Gebäuden abrufen können. Mit der weiteren Verbreitung von Smartphones und PDAs ist so etwas dann auch mobil denkbar.

AIM: Sind in den Studiengang Unternehmen aus der Wirtschaft direkt einbezogen?

Buck: Zum einen wurde die Testphase des Studiengangs von Bund und Ländern gefördert, zum anderen stimmen wir gerade mit DuMont die Finanzierung unseres Studienganges für weitere vier Jahre ab.

AIM: Wie gewährleisten Sie die ständige Aktualisierung des Studienangebots?

Buck: Das geschieht mehr oder weniger von selbst, da dies von unseren Studenten auch eingefordert wird. Für uns war es sehr vorteilhaft, mit dem Studiengang bei Null anzufangen. So hatten wir keinen alten Ballast und mussten auch keinen bestehenden Studiengang auf die aktuellen Anforderungen hin „ummodeln“. Natürlich beobachten wir sehr genau die technischen Entwicklungen im Multimediabereich. Ich sprach davon, dass wir uns derzeit stark auf den Bereich DVD-ROM richten, in absehbarer Zeit wird es aber auch um Dinge wie Smartphone, PDA und vergleichbare Anwendungen gehen.

AIM: Welche Erfahrungen haben Sie mit der ersten Testphase des Studiengangs?

Buck: Die ersten Teilnehmer des Studiengangs sind jetzt in der Phase ihrer Abschlussarbeiten. Die beste Evaluation für uns ist die Fortführung als reguläres Aufbaustudium mit der Universität als Träger. Gleichzeitig zeigt auch das Interesse eines Unternehmens wie DuMont, dass wir praxisnah auf dem richtigen Weg arbeiten.

AIM: Wie wird die zukünftige Arbeit von Multimedia-Autoren aussehen?

Buck: Den Autor, wie wir ihn ausbilden, gibt es so ja eigentlich noch nicht. Die Beschäftigungsgrundlagen werden sich erst mit der Umstrukturierung in den Verlagen ergeben. Sicherlich werden Multimedia-Autoren in Zukunft in Teams eng mit Grafikern, Fotografen, Programmierern zusammenarbeiten. Dabei wird es für die Autoren verstärkt darum gehen, multimedial zu denken und zu schreiben.

AIM: Wo lässt sich denn dann die Grenze zu anderen Berufsbildern der Multimedia-Produktion ziehen?

Buck: Das ist bisweilen schwierig. Gerade im Bereich der Konzeption sind die Grenzen natürlich fließend. Der Multimedia-Autor muss die einzelnen Schritte der Produktion kennen und bis zu einem gewissen Grad auch beherrschen. Unser Studiengang stützt sich daher wie gesagt auf zwei Säulen. Das ist auf der einen Seite der Bereich Multimedia mit Konzeption, Gestaltung, Programmierung und Dramaturgie, auf der anderen Seite der Bereich Online-Journalismus. Hier wird auch ein Wandel zu erkennen sein vom klassischen Journalisten, dessen Texte einfach ins Netz gestellt werden, hin zu einem multimedial denkenden Redakteur, der mit Hilfe von neuen Programmiertools interaktive Berichte erstellen und publizieren kann. Zu diesem Zweig kann Ihnen mein Kollege Herr Hartling mehr erzählen.

AIM: Wir bedanken uns für das Gespräch, Herr Dr. Buck.


Interview mit Florian Hartling

AIM: Herr Hartling, Sie sind Mitinitiator des Studiengangs „Autorschaft und Multimedia“ und dort für den Bereich Online-Journalismus zuständig. Wie ist der Studiengang entstanden?

Hartling: Der Studiengang befindet sich derzeit noch im Aufbau. Ursprünglich war ein eigener Studiengang Für Online-Journalismus parallel zum Multimedia-Autor geplant. Aufgrund der inhaltlichen Nähe haben wir uns aber entschlossen, die beiden Felder in einem Studiengang zu vereinen. Wir haben in den letzten zwei Jahren zahlreiche Erfahrungen auf dem Gebiet Online-Journalismus mit der bereits bestehenden HALESMA "Hallesche Europäische Journalistenschule für multimediale Autorschaft/ Alfred Neven DuMont" in Wochenendkursen und Expertengesprächen sammeln können. Für den jetzt angestrebten Masterstudiengang greifen wir auch auf Erfahrungen von bereits etablierten Online-Journalisten zurück.

AIM: Gibt es dabei einen Studienschwerpunkt?

Hartling: Ja, neben dem Handwerk des journalistischen Schreibens geht unser Studienangebot in Richtung Europapolitik und Kommunikationspolitik, sowie Mediengeschichte und -theorie.

AIM: Wie sieht die weitere Zusammenarbeit mit DuMont aus?

Hartling: Die Zusammenarbeit mit DuMont in Form der HALESMA wird fortgesetzt, der private Partner verstärkt sein Engagement beträchtlich, was neben der finanziellen Förderung auch Unterstützung in der Lehre bedeutet: Journalisten von DuMont geben bei uns Lehrveranstaltungen.

AIM: Für wann ist die Aufnahme des regulären Studiengangs geplant?

Hartling: Wenn alles nach Plan läuft, und davon gehen wir aus, wird der Studienbetrieb im April 2005 beginnen.

AIM: Welche Vorraussetzungen sollten Studienbewerber mitbringen?

Hartling: Vorraussetzung für das nichtkonsekutive Masterstudium ist ein Bachelor oder ein anderer Studienabschluss. Bewerber sollten erste Erfahrungen im journalistischen Bereich haben. Die Fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten, setzen wir ebenso voraus wie Computererfahrung. Wir sind offen für Bewerber aus den Sozial-, Kultur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften. Absolventen technischer oder medizinischer Studiengänge kommen eher weniger in Frage, da war der Erprobungslauf noch offener gehalten. Der Studiengang ist in Richtung Kultur und Online-Journalismus ausgerichtet , entsprechend sind auch die Voraussetzungen. Wichtig ist auch, dass es sich um einen Vollzeit-Präsenz-Studiengang handelt.

AIM: Wo sehen Sie die zukünftigen Arbeitsfelder Ihrer Absolventen?

Hartling: Wir sehen unsere Absolventen eindeutig in Online-Redaktionen. Bisher werden in vielen Redaktionen aus wirtschaftlichen Gründen die Offline-Texte einfach ins Netz gestellt. Zukünftig werden Redakteure aber in den Online-Medien deutlich mehr können müssen. Wir vermitteln die Kenntnisse und die Fähigkeit, multimedial zu denken und zu schreiben. Es gibt auch zahlreiche Wirtschaftsunternehmen, die ihre redaktionellen Inhalte auch online präsentieren. Bisher gibt es in diesem Bereich aber relativ wenig Spezialisten, die sich mit den praktischen Herausforderungen des Internets oder anderer Multimedia-Anwendungen auskennen. Da sehen wir die zukünftigen Arbeitsfelder Absolventen.

AIM: Sie sprechen von Praxis. Wie sieht das Verhältnis von Theorie und Praxis im Studium aus?

Hartling: Im Wesentlichen gibt es drei Säulen. Zum einen der medientheoretische Teil, dann der Bereich des Handwerkszeugs wie Hardware und Anwenderprogramme und schließlich der praktische Teil, in dem an Projekten die erlernte Methodik angewendet wird.

AIM: Wo sehen Sie die Grenze der Ausbildung in Ihrem Studiengang zu CBT-/WBT-Autoren?

Hartling: Das Handwerkszeug ist natürlich sehr ähnlich, ob sie jetzt Lernsoftware entwickeln oder einen interaktiven Stadtführer. Wir bieten aber als Schwerpunkt die zwei genannten Richtungen an. Zum einen der kulturelle Strang mit Projekten wie kulturelle Reiseführer, zum anderen der journalistische Zweig mit Ausrichtung auf Europa und Kulturpolitik. Das schließt natürlich nicht aus, dass sich unsere Studenten nicht im Laufe des Studiums auch das Wissen über E-Learning aneignen. Unser Schwerpunkt ist es allerdings nicht.

AIM: Herr Hartling, vielen Dank für das Gespräch.

Die Gespräche führte Jens Wollmerath


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