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Arbeitsfelder: Konzeption & Entwicklung
Berufsfeld Formatentwicklung - Unterhaltung im Time-Slot
Köln – Neue Fernsehformate sprießen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden der Fernsehlandschaft. AIM hat sie sich als neues Berufsfeld näher angesehen.

Für die Quote werden Busen vergrößert, Nasen gerichtet und Oberschenkel gestrafft. Männer in Trainingshosen lernen im Camp das Handwerk, mit dem sie ihre Ex-Partnerinnen zurück gewinnen sollen, junge Frauen üben sich in Überwindung, um ein fettleibiges, rülpsendes Ekel als Ehemann zu gewinnen und das große Geld zu kassieren. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass im deutschen Fernsehen ein neues Format auf Sendung geht. Wir begleiten Provinzpolizisten bei Routineeinsätzen, leiden mit Familien im sibirischen Kulturschock und holen Stars aus dem Dschungel. Alles immer härter, immer realer.

Die Form des Formats
Aber was steckt eigentlich hinter diesen Formaten? Wie wird man Formatentwickler? Wer entscheidet, was gesendet wird?

Ist von Fernsehformaten die Rede, hat wohl jeder eine eigene Vorstellung davon, was er darunter versteht. Eine eindeutige Definition ist indes schwierig. Hilfreich erweist sich ein Blick in die Expertise des Grimme Instituts „Alles Doku - oder was“. Demnach erlangte der Begriff Format für das Fernsehen in Deutschland seine Bedeutung mit der Einführung der Privatsender. Aufgrund der Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendern bestimmen seitdem Quoten und Marktanteile die Programmplanung. Sie führten zu einheitlich gestalteten Sendungen, deren Lizenzen national oder international gehandelt werden. Der Vorteil dieser Formate besteht in der Verwertbarkeit ihrer Profile. Zu jedem Format gibt es genaue Erhebungen zu Zuschauern, Altersgruppen, Marktanteilen und Zielgruppenstrukturen, die über den weiteren Verbleib oder die Absetzung eines Formates im Programm der Sender entscheiden. Das Programm lässt sich somit Quoten bezogen optimieren durch Anpassung der Inhalte, Präsentationsformen und Zuschaueransprache.

Format umfasst dabei alle Elemente des Erscheinungsbildes einer Sendung. An erster Stelle steht die Wiedererkennbarkeit. Der Zuschauer wird ein etabliertes Format jederzeit erkennen, ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt er eingeschaltet hat. Stil und Design der Formate sind in den zugrunde liegenden Konzepten genau festgelegt, ebenso wie die Länge der Sendung. Untersuchungen haben ergeben, dass beispielsweise 88 Prozent aller dokumentarischen Sendungen 30 oder 45 Minuten lang sind.

Die meisten Stoffe sind aber von vornherein so ausgelegt, dass sie weit aus mehr Zeit füllen, um die Schaffung von Reihen oder Serien zu ermöglichen. Solche Formate bieten dem Sender eine viel bessere Planbarkeit. Ein Blick in die Fernsehzeitung zeigt sehr deutlich, welche Folgen die Formatierung hat. So werden auf nahezu jedem Sender an Werktagen auf den jeweils gleichen Sendeplätzen die gleichen Programme ausgestrahlt. Beispiel RTL: Montag bis Freitag läuft immer um 13 Uhr die gleiche Talkshow, von 14-17 Uhr Gerichtssendungen, usw.
Eines der prägenden Formate der Fernsehgeschichte ist allerdings schon viel älter, als der Begriff selbst. Die Tagesschau der ARD hat mit ihrem Sendeplatz und ihrer 15-Minutenlänge die Fernsehlandschaft in das Vorabendprogramm bis 20.00 Uhr und die so genannte Primetime ab 20:15 Uhr eingeteilt - maßgeblich für alle Sender.

Bei den Inhalten von Formaten lässt sich zwischen „harten“ und „weichen“ Formaten unterscheiden. Letztere bieten den Autoren größeren individuellen Spielraum bei der inhaltlichen Gestaltung, eine erkennbare Handschrift ist sogar erwünscht. Bei den „harten“ Formaten dagegen sind die Rahmenbedingungen sehr eng gesteckt – die Länge der Inhaltsabschnitte, die Ausleuchtung, die Personen sind unveränderbar festgelegt.

Vorausschauendes Programmieren
Die Sender nutzen Formate für die so bezeichnete horizontale und vertikale Programmierung. Horizontale Programmierung wird auch als Stripping bezeichnet und setzt auf einen Gewöhnungs- und Lerneffekt beim Zuschauer. Läuft wie oben beschrieben jeden Tag zur gleichen Zeit das gleiche Programm, so wird der interessierte Zuschauer relativ bald lernen, wann er einschalten muss, um sein Lieblingsprogramm zu sehen. Der Sender kann so in größeren Dimensionen planen und rechnen, als bei Individualproduktionen. Im Idealfall für den Sender entspricht die Formatstruktur des Programms der Tagesstruktur der Zuschauer.
Die vertikale Programmierung, auch als Audience Flow bekannt, soll sicherstellen, dass der Zuschauer bei einem Sender bleibt und nicht wegschaltet. Daher werden in der Regel Formate ähnlichen Inhalts hintereinander gesendet, um das Zuschauerinteresse zu erhalten, bzw. Inhaltswechsel im Programm so angekündigt, dass sie neues Interesse erzeugen.

Von Slots und Marktanteilen
Die Formatierung des Fernsehens war unter anderem auch Thema einer Podiumsdiskussion auf der Medienmesse Generation M 2004 in Köln.
„Als Wirtschaftsunternehmer sind wir natürlich an langlebigen Formaten interessiert“, berichtet Iris Bettray, Geschäftsführerin der TV-Produktionsfirma AZ Media. Spätestens seit Einführung des Privatfernsehens Anfang der 80er Jahre wird auch im deutschen TV in Slots gedacht. Das sind die minutengenaue Sendeplätze für die vielen Formate, die bei Bedarf, sprich sinkender Zuschauerquote, ausgetauscht werden können. Betriebswirtschaftliches Denken beherrscht auch das Fernsehgewerbe. Bei den Privatsendern müssen die Werbeblöcke zwischen den einzelnen Programmabschnitten verkauft werden. Und deren Preis richtet sich nach der Anzahl der Zuschauer. Je länger also ein Format bei konstanter Quote läuft, umso lukrativer für den Sender. Aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender orientieren sich an Quote und Marktanteilen, um konkurrenzfähig zu bleiben. „Für die Daytime brauchen wir 200 Episoden eines Programms, montags bis freitags, 40 Wochen im Jahr“, weiß Panagiotis Trakaliaridis, Programmplaner beim ZDF zu berichten. Bei so viel Bedarf spielt für den Sender natürlich auch die Frage nach der Finanzierung eines Formates eine entscheidende Rolle. Christoph Peterka, Geschäftsführer der Produktionsfirma gannaca-high touch people, hat selbst erlebt, dass nach der Präsentation eines neuen Formates bei einem Fernsehsender nicht allein der Programmleiter die Entscheidung trägt, ob das Format aufgenommen wird oder nicht: „Sitzt der Marketingchef mit am Tisch und hört, dass die Produktionsfirma das Format schon komplett vorfinanziert hat, sagt er: ‚machen wir!’“ Als reine Abspielstationen von vorproduzierter Stangenware möchte aber keiner der Beteiligten das Fernsehen betrachten. Schließlich bieten der wirtschaftliche Druck und die ständige Nachfrage nach neuen, publikumswirksamen Sensationen auch neue Betätigungsfelder. Wer schneller, aktueller und kostengünstiger produziert, als die großen Sendeanstalten und Produktionsfirmen, kann sich Nischen erkämpfen. Hier sieht Peterka auch die Zukunft für kleinere „Ideenlabors“, um mit neuen, kreativen Einfällen landen zu können.

Kopieren und agieren
Kommen wirklich alle guten Ideen aus dem heimischen Markt? Dazu Mirko Derpmann von der Medienberatung HMR International: „Nahezu alles, was bei uns in der Primetime läuft und erfolgreich ist, ist schon mal woanders gelaufen.“ So werden beliebte Shows aus Großbritannien wie „Wer wird Millionär“ oder amerikanische Casting-Spektakel wie „Der Bachelor“ für das deutsche Fernsehen aufbereitet. Dabei werden Darsteller und Kulisse dem heimischen Markt angepasst.
Aber nicht alles, was im Ausland erfolgreich ist, muss auch ein Quotenrenner in Deutschland werden. Viele Formate lassen sich zudem nicht eins zu eins übertragen. Beispiel hierfür „The Apprentice“, eine amerikanische Show, bei der die Kandidaten um einen Job bei Donald Trump buhlen. „Das kann in keinem anderen Land so entstehen. Ich glaube viele Produktionsfirmen suchen gerade nach einem deutschen Trump“, erklärt Derpmann. Das kürzlich mit der Erstaustrahlung gescheiterte „Hire & Fire“ Format mit Endemol-Chef John de Mol als potenziellem Arbeitgeber bestätigt dies, der Erfolg von „Big Boss“, das Ende Oktober 2004 mit Ex-Bayer 04 Manager Calmund startet, bleibt abzuwarten.

Nicht zu letzt deshalb gibt es auch hierzulande Entwicklungsredaktionen, die an originär deutschen Formaten basteln. Jüngere Beispiele sind die Crime-Soap „Lenßen und Partner“ oder die Abenteuer-Doku „Sternenflüstern“. Dennoch bemängelt Derpmann, dass es auf dem inländischen Produktionsmarkt zu wenig Agilität gibt. Aber Ideenentwicklung ist zeitintensiv und teuer. Und an welchen Maßstäben müssen sich junge Formatentwickler orientieren? „Formatentwicklung ist etwas endlos Kreatives“, meint Iris Bettray, „aber sind es nun Sozialwissenschaftler, Gesellschaftsbeobachter oder Abenteurer, die mit den besten Ideen für neue Formate kommen?“ Auch sie hat noch keine klärende Antwort darauf gefunden. Dennoch sehen alle Teilnehmer der Diskussion prinzipiell Chancen für junge Talente. Die technischen Möglichkeiten erlauben es mittlerweile jedem Interessierten, mit einer Digitalkamera und einem schnellen Computer ein eigenes Programm zu produzieren, das sich auch präsentieren lässt. „Das ist die große Chance der Digitalisierung“, meint Derpmann. „Formatgestaltung hat aber auch mit Talent zu tun“, ergänzt Trakaliaridis und bremst übereifrige Heimproduzenten. „Ich halte es für schwierig davon auszugehen, man könnte im stillen Kämmerlein ein Konzept entwickeln und damit dann Riesenerfolg haben.“

Formatieren mit Leidenschaft
Wie wird man dann Formatentwickler? Iris Bettray, selber TV-Produzentin, sieht eine ganze Reihe von Voraussetzungen, die zukünftige Programmerfinder mitbringen sollten: „Talent zum Schreiben, gutes strukturelles Denken und ein großes Interesse für das, was um mich herum passiert. Und auch das Marketing der eigenen Idee sollte man nicht vergessen.“ Eine potenzielle neue Formatidee muss bis in die letzte Sendeminute hinein durchdacht werden. Der Zuschauer darf sich nicht langweilen, denn weggeschaltet zu werden, ist das schlimmste, was einem Format passieren kann. Ein Erfolg versprechendes Format muss sich durch eine originelle Idee und einen hohen Wiedererkennungswert auszeichnen. So muss der Zuschauer immer wissen, welches Programm er gerade sieht, egal wann er eingeschaltet hat.

Für die Präsentation der eigenen Idee ist vor allem „Leidenschaft und Überzeugung“ wichtig, erläutert Bettray. Und sollte es beim ersten Mal nicht klappen, heißt die Devise unbedingt dran bleiben. Denn die Zeiten ändern sich schnell und vielleicht ist die heute noch experimentell anmutende Reality-Soap schon der Publikumsrenner von morgen. Idealerweise produziert man bereits vorab eine Probefolge, „so wie sich auch ein Sänger mit einem Tonband bei der Plattenfirma vorstellt“, empfiehlt Derpmann. Bei der zugehörigen Mappe sollten keine formalen Fehler auftreten und „auf der ersten Seite muss deutlich werden, worum es bei der Sache geht“, so Bettray. Günstig ist es, wenn bereits Darsteller oder Moderatoren und Möglichkeiten der Finanzierung des Formates im Vorfeld überlegt wurden und im Paket angeboten werden. Die Entscheidung, was letztlich gezeigt wird, liegt dann beim Sender.

Beim Nachwuchs der Formatschaffenden baut Trakiliaridis auf praktische Ausbildung: „Grundsätzlich führt der beste Weg zum Formatentwickler über Praktika und erste journalistische Erfahrungen bei einem Sender oder einer Produktionsfirma.“ Festgelegte Berufsausbildungen zum Formatentwickler gibt es indes noch nicht. Sinnvoll ist aber in jedem Fall ein berufsrelevantes Studium wie Programm- und Medienplanung, Produktion, Fernsehdramaturgie, Drehbuchschreiben oder eine medienrelevante Berufsausbildung, ggf. mit der Weiterbildung zum Producer.
Iris Bettray hat Literatur, Politik und Geschichte studiert, anschließend kam sie über ein Volontariat ins Medienfach. Panagiotis Trakiliaridis studierte Medienplanung, Medienentwicklung und Medienberatung und absolvierte anschließend verschiedene Praktika. Auch die beiden anderen Teilnehmer der Diskussion schlossen zunächst ein Studium ab, Mirko Derpmann in Kunstgeschichte und Christopher Peterka in Medienwissenschaft, bevor sie über Praktikum, bzw. Nebenjobs in die Medienbranche einstiegen.

Und wer schützt ein neues Format vor Kopie und Nachahmung? Die Frage des Urheberschutzes ist bei Fernsehformaten bis jetzt nicht geklärt. Christopher Peterka empfiehlt daher, bei der Entwicklung und Präsentation eines neuen Formates darauf zu achten, so einzigartig wie möglich zu sein, um das Nachmachen zu erschweren. „Denn bis das Thema der Lizenzrechte vor der Produktion geklärt ist, hat die Zeit das neue Format längst überholt.“ (jwo)
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