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Meldung
Die Qualität der Medien sichern! Aber wie?
Berlin - Die grüne Bundestagsfraktion hatte zur Tagung Qualitätsstandards in den Medien: Zeit für neue Formen in Ausbildung und Aufsicht? geladen. Die Journalisten kamen.

Die Qualitätsdebatte hat viele Facetten. Wirtschaftslage, Arbeitsbedingungen, Ausbildungsfragen, Regulierung, Selbstkontrolle. Die medienpolitische Sprecherin der Fraktion, Grietje Bettin, betonte in der Begrüßung den Anspruch der Bürger/innen auf eine differenzierte, kritische Berichterstattung. All dies wurde in Berlin in fünf Stunden durchdekliniert. Kein Wunder also, dass bei dem strammen Programm die wegweisenden Schlussfolgerungen etwas zu kurz kamen.

Von der Medienkrise zur Journalistenkrise

Programmatisch für den Verlauf der Tagung wurde die Einführung durch Professor Siegfried Weischenberg, Direktor des Journalistik-Instituts der Hamburger Universität, zum Thema Arbeitsmarkt. Die Medienkrise sei zu einer „Journalistenkrise“ geworden. Freie Journalist/innen müssten mit zunehmender Unsicherheit, reduzierten Aufträgen und sinkenden Honoraren kämpfen. Weischenberg machte „Entgrenzungsprozesse“ aus. Klare Berufsprofile verschwänden: Redakteure übernähmen Layout- und Managementaufgaben, Journalisten arbeiteten als PR-Berater. Aktive Medienpolitik sei gefordert, um den „Journalismus-Standort Deutschland“ zu sichern. Dazu gehören für Weischenberg die stärkere Transparenz von Besitzverhältnissen an Medien, Regulierung von Aus- und Weiterbildung im Bereich Journalismus, Absicherung von Qualitätsmedien, etwa über eine Stiftung.
Damit war der Rahmen der morgendlichen Diskussion abgesteckt. Es ging um Journalist/innen und in erster Linie um deren größtes Arbeitsfeld: die Zeitung. Dies mag daran liegen, dass Journalist/innen sich besonders für die eigenen Probleme interessieren. Oder wird die wirtschaftliche Krise erst dann wahrgenommen, wenn es an den eigenen Arbeitsplatz geht? Die Situation von Mitarbeiter/innen aus Technik, Gestaltung oder Organisation spielte in dieser Debatte jedenfalls kaum eine Rolle.

Die Suche nach der Schuld

Die vom Rückgang der Anzeigenerlöse gebeutelte Presse gibt den wirtschaftliche Druck insbesondere an freie Journalist/innen weiter, also bleibt keine Zeit für seriöse Recherche und anspruchsvolle Arbeit – lautete ein zentrales Argument, von Ver.di und Freien vehement vorgetragen. „Qualität wird nicht bezahlt“, beklagte der Journalist Volker Engels. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Dr. Volker Schulze, sah dies selbstredend anders: Journalisten ginge es noch besser als in anderen Berufen. Die Verlage litten unter der Anzeigenabhängigkeit und der allgemein schlechten Wirtschaftslage, die sich in Abonnementsabbestellungen niederschlüge. Der Verbandvertreter schob flugs den schwarzen Peter weiter und wetterte gegen Projekte, von denen weitere Gefahren für die Anzeigengeschäfte drohen. So plane die Bundespost ins Beilagengeschäft einzusteigen, die Bundesanstalt für Arbeit mache den Zeitungen mit virtuellen Stellenanzeigen Konkurrenz. Dr. Joachim Huber, Leiter des Ressorts Medien beim Berliner Tagesspiegel, fragte sich wiederum, ob er eher „Täter oder Opfer“ sei. Einerseits müsse er Freien Aufträge kürzen, andererseits zusätzlich Produktionsaufgaben übernehmen. Klassische Rationalisierung also.
Anzeigenerlöse machen rund die Hälfte der meisten Zeitungsetats aus. Inwieweit das Modell taz (weniger Anzeigen, höherer Preis) aus der Anzeigenabhängigkeit führen könnte, blieb umstritten.
Die Expertenrunde debattierte weitere Symptome der Krise: Anzeigenkunden üben Druck insbesondere auf kleinere Zeitungen aus. Volontäre werden selten übernommen, Redaktionen „überaltern“. Wenn die Aufträge knapp werden, beginnt man potentielle Konkurrent/innen argwöhnisch zu beobachten. In den letzten zehn Jahren sei eine „ungeheuren Vermehrung der Journalisten“ zu beobachten, urteilte Weischenberg. Kontroversen tauchten auf, als polemisch die Frage gestellt wurde, wie viele „Qualitätszeitungen“ für eine funktionsfähige Demokratie überhaupt notwendig seien. Brauche das Land gleichlautende Kommentare von FR, FAZ und Süddeutscher Zeitung?, so Bernd Gäbler, Geschäftsführer des Grimme Instituts.
Der Nachwuchs diskutierte pragmatischer. Transparenz bei Honoraren, Informationen über marktübliche Preise pro Zeile, pro Minute, so lautete die Forderung einer jungen Journalistin.

Qualität durch Regulierung?

Gestärkt vom mittäglichen Stehbuffet wandte sich die Tagung dem Medienrecht zu. Differenzierte Aufsichtstrukturen für Medienunternehmen existieren vor allem im Rundfunkbereich. Föderal gestreute Kompetenzen könnten neuen Entwicklungen, wie im Multimediabereich, nicht mehr gerecht werden, erklärte Professor Hans J. Kleinsteuber von der Hamburger Universität und konstatierte: „Konvergierende Medien erfordern eine konvergierte Aufsichtsstruktur“. Dies könne etwa durch eine Bund-Länder-Kommission umgesetzt werden könnte. (Eine Position, die von der Abgeordneten Bettin geteilt wurde.) Ergänzend sei journalistische Selbstreflexion notwendig.
Die Brücke zur Podiumskollegin Dr. Ilka Desgranges vom Deutschen Presserat. Bei rund 300 behandelten Beschwerden im Jahr sei das ehrenamtlich tätige Gremium schon an die Grenzen des Leistbaren gelangt, betonte Desgranges. Allerdings würde man bei der Verteidigung des Artikel sieben (Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbung) von vielen Chefredaktionen unterstützt.
Hardy Dreier vom Hans-Bredow-Institut griff erneut die Frage: wie viele Medien braucht die Demokratie? auf. Die Grundannahme, eine Vielfalt von Anbietern sichere Qualität, sei nicht unbedingt richtig. Häufig habe man den Status Quo mit dem Erwünschten verwechselt. Heute hätten Zeitungsverleger der Nachkrieges-Gründerphase Schwierigkeiten, geeignete Nachfolger zu finden.
Und Susanne Nikoltchev steuerte die internationale Sicht bei. Als Vertreterin der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle in Straßburg prognostizierte sie, dass Medienkontrolle, jenseits von Wettbewerbsfragen, nicht zum Thema der EU werden wird. Dazu wären die Bedenken der einzelnen Länder vor dem Eingriff in ihre gewachsenen Medienlandschaften zu groß.

Ausbilden in Krisenzeiten

Ausbildungsfragen führten eher ein Maurerblümchendasein im Schatten der großen Medienpolitik. Professorin Gabriele Goderbauer-Marchner stellte den Mediencampus Bayern vor und nannte drei Elemente, die eine Reform beinhalten müsse: „Content, Form und Kooperation“. Sie forderte insbesondere die Vernetzung bestehender Institutionen, nicht den Aufbau neuer Bildungseinrichtungen. Dabei ist die Entwicklung bundesweit durchaus nicht einheitlich, wie Diskussionsteilnehmer feststellten. In Hamburg wurde jüngst mit Unterstützung des Senats die Media School aus der Taufe gehoben, während das Weiterbildungsstudium für Journalisten an der FU Berlin trotz zahlreicher Proteste auslaufen wird.

Als im abschließenden Grußwort der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Christian Ströbele dann die geplanten Gesetzesvorhaben zu Zeugnisverweigerungsrecht et al. pries, war die Tagung endgültig zum Parforceritt durch alle Gebiete der Medienpolitik geworden.
Letztlich blieb es bei einer Bestandsaufnahme des journalistischen Arbeitsfeldes. Und bei der nächsten Tagung kommt dann die Handlungsorientierung dran. (Anne Schulz)

PS.
Eine gute Nachricht, natürlich zum Schluss: „Wer diese Krise überlebt, der kann noch ein ganzes Journalistenleben leben.“ lautete die tröstliche Botschaft von Joachim Huber. Aha.
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