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Literatur: Rezensionen
news to use
Köln/Hannover - In der RTL-Unterrichtsreihe zu Fernsehanalyse ist "Ein Tag bei RTL aktuell" neu erschienen. Herausgegeben von der Abteilung Jugendschutz von RTL, in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk.

Das Medienpaket besteht aus zwei Videokassetten und einer Broschüre und beschreibt, wie bei RTL Nachrichten produziert werden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

In der Broschüre wird zunächst das RTL-News-Konzept erläutert: Nachrichten sollen sich am Zuschauerinteresse orientieren, einen Gebrauchswert (use) besitzen, Nachrichten müssen so verständlich formuliert sind, dass auch eine Oma sie verstehen kann (womit RTL sicherlich nichts gegen Großmütter sagen möchte). Es gibt im RTL-Konzept sogenannte "hard news" (Politik, Wirtschaft, Kultur) und "soft news" (erklärt am B-Prinzip: "Blut, Busen, Bällen, Beichten und Babies"). Der Stolz auf hohe Einschaltquoten ist nicht nur an einer Stelle spürbar. Das Bündnis mit dem Zuschauer lautet: "Wir sind immer für Dich dabei, wenn irgendwo etwas wichtiges passiert. Unsere Frau/Mann ist vor Ort, für Dich. Wir sind präsent." Oder noch emphatischer: "Glaubwürdig, schnell, nahe am Zuschauer, frisch, verständlich, modern."
Die folgenden Kapitel schildern, wie dieses Konzept in die Praxis umgesetzt wird. Starke Betonung wird auf die Bebilderung von Nachrichten gelegt, denn: "Nur mit gutem Bildmaterial lässt sich ein interessanter Fernsehbericht herstellen. Fehlen die Bilder, schafft es das Thema höchstens in die zweite Reihe, das heißt in den Newsblock. Aber auch dort gilt im Prinzip: nur die besten Bilder sollten gesendet werden. Aufnahmen, die möglichst großen Nachrichtenwert bereits in sich tragen." Die Leser werden durch einen Arbeitstag geführt - vom ersten Blick auf die Meldungen bis zur Manöverkritik nach der Sendung. Sie können nachlesen, was in der Kölner Zentrale geschieht, welche Aufgaben das Berliner Hauptstadtstudio übernimmt und wie die Korrespondenten in New York arbeiten.
Auf den Videokassetten sind Arbeitsschritte und -stationen in insgesamt 160 Minuten dokumentiert. Detailfreudig werden die Mitarbeiter, Organisation und Technik vorgestellt. Man erfährt, wie viel Arbeit in einer Nachrichtensendung steckt, wie arbeitsteilig das Team vorgehen muss, wie komplex die Produktion der täglichen Livesendung ist. Abstrahiert man vom häufig stark werbenden Kommentar und überhört die teilweise anstrengende, weil schlechte Tonqualität, kann man eine Menge lernen. Auf jeden Fall, dass Fernsehproduktion hochspezialisierte Arbeit und kein leicht beschwingtes Vergnügen ist.

Der didaktische Teil liefert Anregungen für den Unterricht: Wie kann das Thema Nachrichten behandelt werden, welche Übungen zur Analyse von Nachrichtensendungen sind für Schülerinnen und Schüler geeignet? Hier tauchen dann, wie im kurzen geschichtlichen Abriss zu Beginn, die Konkurrenzsendungen auf: "Tagesschau" und "heute". Nicht ohne eine gewisse Wertung, wie im bestimmt gut gemeinten Ratschlag: "Lassen Sie die schwächeren Schülerinnen und Schüler Ihrer Klase die "heute"-Sendung protokollieren" - denn dort erleichtern die eingeblendeten Schlagzeilen das Einordnen.

Nach der Lektüre der Broschüre und Sichtung der Kassetten hat man einen umfassenden Eindruck, wie bei RTL Nachrichten produziert werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Hintergrundmaterial, als Recherchequelle, zur Unterrichtsvorbereitung ist das Paket gut geeignet - denn den Lehrerinnen und Lehrer wird doch sicherlich bewusst sein, dass "RTL aktuell" nicht die ganze Nachrichtenwelt ist. Daran und insbesondere an der Mitherausgeberschaft der Niedersächsischen Landesmedienanstalt hat sich inzwischen öffentliche Kritik entzündet, die der Publikation u.a. Einseitigkeit vorwirft.
Die niedersächsische Landesmedienanstalt muss sich über solche harschen Worte nicht wundern, wenn sie vollmundig ankündigt, die "interessierten Lehrerinnen und Lehrer" bekämen "einen schnellen und kompetenten Überblick über die Vorgehens- und Produktionsweise einer Fernsehnachrichtenredaktion". Das ist eben nur bezogen auf ein Unternehmen der Fall.

Nun lässt sich über das Bilderdogma trefflich streiten. Die Zuschauerin kann wohl nur hoffen, dass sich die wirklich wichtigen Ereignisse dieser Welt an die Maxime: das Bild geht vor! halten. Krieg oder Frieden, Umweltkatastrophen oder bahnbrechende Entdeckungen - ohne geeignetes Bildmaterial müssen sie eben in der zweiten Reihe Platz nehmen. Dort wo zufällig keine Bilder existieren - oder wo ihr Zustandekommen absichtlich verhindert wird! - endet das öffentliche Interesse?! Jedenfalls bei RTL, scheint es.
Aber ist es nicht wiederum aufschlussreich, so umfassend und konkret von einem Sender darüber aufgeklärt zu werden, wie Sendungen produziert werden? Und warum Nachrichten so und nicht anders aussehen? Wenn im Vorwort das Fernsehen als "Formel-1-Bolide" (Rennwagen) bezeichnet wird, die Zuschauer als Motor, Nachrichten als Treibstoff-Additiv, um den Wagen noch schneller zu machen, und "unverzichtbares Prestigemittel" - ist das für die Zuschauerin doch höchst erhellend. Und kein Lump, wer an Bildungsauftrag, Aufklärung, öffentliche Meinungsbildung denkt.

In diesem Sinne ist die Niedersächsische Landesmedienanstalt nicht zu kritisieren, weil sie das RTL-Paket unterstützt hat und vertreibt. Sondern sie wäre zu befragen, wann die Pakete zur "Tagesschau", zu "heute" oder zu "arte info" erscheinen.
Das Medienpaket kann bei RTL zum Preis von 33 Euro bestellt werden. Im Raum Niedersachsen ist das Medienpaket für Schulen kostenlos zu beziehen über die Niedersächsische Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk in Hannover. (Anne Schulz)

www.rtl.de
www.nlm.de

Nachzutragen bleibt: In der Reihe sind bisher Unterrichtspakete zu Big Brother, Daily Soap und Arbeitsplatz TV erschienen. "Arbeitsplatz TV" ist in Kooperation mit der Landesanstalt für Medien NRW erstellt worden, Teil dieses Medienpakets ist der "Berufsratgeber Fernsehen und Film" mit Texten von AIM.
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