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Inszenierung & Darstellung: Regie
Interview mit Isabel Kleefeld und Ulrike Hampeter
Die Regisseurin Isabel Kleefeld und die Regieassistentin Ulrike Hampeter unterhalten sich über ihre Berufe, gemeinsame Projekte und die Alpträume vor dem ersten Drehtag.


"Regie ist ein künstlerischer Handwerksberuf"

"Die wenigsten Regisseure wissen, was eine Regieassistenz macht."

"Regieassistenz ist vor allen Dingen ein große Kommunikationsleistung"


Isabel Kleefeld
arbeitete nach dem Studium als Regieassistentin ("Das Experiment", "Männerpension") und führt inzwischen Regie ("Schluss mit lustig").
Ulrike Hampeter
ist Regieassistentin ("Switch", "Das Experiment, "Schluss mit lustig") mit TV- und Kino-Erfahrung.



AIM: Frau Kleefeld, wollten Sie von Anfang an Regisseurin werden?

Kleefeld: Nein. Ich habe mit vier Semestern Publizistik, Theaterwissenschaft und Germanistik an der FU Berlin begonnen, dann Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation/ Werbung an der Hochschule der Künste studiert und das Diplom gemacht. Mein Studium habe ich mir anfangs mit Redaktionsassistenzen beim Fernsehen finanziert. Über das Fernsehen -aktuelle Berichterstattung, Politik, Show und Unterhaltung- bin ich zum Film gekommen, und dort den klassischen Weg gegangen: Produktionssekretärin, Produktionsassistenz, Script/ Continuity, Regieassistenz. Die erste Regieassistenz bei einem "Tatort" in Berlin. Letztes Jahr habe ich meine ersten eigenen Regiearbeiten gemacht. Also ich bin noch sehr neu im Bereich Regie.

AIM: Der erste Film war "Schluss mit lustig" ?!

Kleefeld: Das war das Angebot eines Produzenten, der mit einem befreundeten Autoren und einem Stoff kam und fragte, ob ich nicht Lust hätte, zusammen am Buch zu arbeiten und Regie zu führen. Ich habe eine Minute überlegt und gesagt: "Ja!"

AIM: Frau Hampeter, wie wurden Sie Regieassistentin?

Hampeter: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit zwölf schon ganz genau wissen, was sie mal werden wollen. Ich habe zuerst Architektur studiert und bin dann nach dem Vordiplom auf Germanistik umgeschwenkt. Nach meinem Studium hat mir jemand ein Volontariat in einer Produktionsfirma angeboten. Eigentlich hatte ich früher nie daran gedacht, einmal im Medienbereich zu arbeiten, die Branche schien mir immer ein bißchen suspekt. Ich hab's trotzdem gemacht, in dieser Zeit viele eigene Beiträge realisiert, die Produktion von Shows und Magazinen kennengelernt und regelrecht Blut geleckt. Nach dem Volontariat bin ich dann von einem Regisseur gefragt worden, ob ich Regieassistenz machen wollte. Und so bin ich vor sechs Jahren zur Regieassistenz gekommen.

"Schluss mit lustig" Regie: Isabel Kleefeld, Regieassistenz: Ulrike Hampeter


AIM: Was sind bei einer typischen Fernsehproduktion die ersten Arbeitsschritte? Der Produzent hat ein Buch, kann es finanzieren und sucht dann eine Regisseurin?

Kleefeld: Es ist ein großes Glück für die Regie, wenn man frühzeitig in die Bucharbeit eingebunden wird. Da hat man als Regisseurin dann eher die Option, mit Autor, Produzent und Redaktion das Buch so zu entwickeln, wie man es später auch umsetzen möchte.

AIM: Was ändert man da noch? Die Figuren, die Auflösung von bestimmten Szenen?

Kleefeld: Es kommt darauf an, was für Stärken oder Schwächen ein Buch hat. Man kann nicht wie ein ‚Klugscheißer' daherkommen und ohne Begründung sagen: "Das ist nicht gut, das ändern wir!" Änderungsvorschläge von Seiten der Regie haben viel mit der Sicht auf den Stoff, mit der eigenen Leseart zu tun. Und aus dieser Sicht ergibt sich, ob man dramaturgische Änderungen anregt, im Gesamtaufbau, in der Figurenmotivation, oder eventuell nur Änderungen innerhalb der Dialoge.

AIM: Wenn das Buch fertig ist, was sind die nächsten wichtigen Entscheidungen?

Kleefeld: Die Besetzung. Wenn man Glück hat, liegen Casting und Besetzungsentscheidungen z.B. vor der Motivsuche, sonst läuft vieles häufig parallel. Bei der Produktionsplanung kommt es grundsätzlich auf den jeweiligen Aufwand innerhalb der einzelnen Bereiche an, ob etwas gebaut oder angefertigt werden muss, zum Beispiel.

AIM: Wie lange arbeitet man an einem Film?

Kleefeld: Ein Beispiel: Wir haben von Pro Sieben den endgültigen Auftrag für "Schluss mit lustig" im Oktober 2000 bekommen, haben im November gecastet, im Dezember Motive gesucht, im Januar das Produktionsbüro eröffnet und Mitte Februar bis Ende März gedreht. April und Mai die Postproduktion. Im Juni 2001 war der Film fertig. Also von der reinen Vorbereitungs- und Drehzeit (ab Casting und nicht ab Bucharbeit betrachtet) bis zur Postproduktion: von November bis inklusive Mai, das sind für die Regie um die sieben Monate.

AIM: Die Regieassistentin kommt während der Drehvorbereitungen dazu?

Hampeter: Genau, meistens ein, zwei Monate vor Drehbeginn. Die Vorbereitungen betragen bei einem Spielfilm ca. vier Wochen, je nachdem wie aufwändig er ist. Bei einem Kinofilm sind es sechs bis acht Wochen.

AIM: Was sind die ersten Aufgaben?

Hampeter: Man setzt sich mit der Regie zusammen und geht das Drehbuch von A-Z durch, incl. Besetzungsvorschlägen, Motivwünschen etc., um genau zu wissen, was der andere will und um eine Sprache zu sprechen. Diese Dinge werden an die jeweiligen Abteilungen kommuniziert. Zu den ersten Aufgaben gehört dann auch ein erster Drehplan-Entwurf, natürlich in Absprache mit der Produktionsleitung.

AIM: Ist die Regie oder die Produktionsleitung der wichtigste Ansprechpartner?

Hampeter: Regieassistenz ist eine Vertrauensposition. Und es ist immer eine Zwitterrolle. Für mich steht die Regie schon an erster Stelle. Man versucht in erster Linie der Regie das zu ermöglichen, was sie an dem Tag, in dem Bild vorhat. Aber natürlich in Absprache mit der Produktion, so dass es effektiv und kostengünstig wird.

AIM: Stimmt es, dass es Regisseure gibt, die sehr viel der Regieassistenz überlassen, die sich erst relativ spät mit dem Buch auseinandersetzen und Motivsuche, Motivbesichtigung völlig der Assistenz überlassen?

Hampeter: Habe ich noch nicht erlebt, aber dass hört man immer wieder. Es gibt natürlich manchmal Überschneidungen, wenn ein Regisseur unter Vertrag genommen wird, der noch in einem anderen Projekt steckt und erst kurz vor Drehbeginn einsteigen kann, so dass man erst mal viel übers Telefon regelt. Wenn man sich gut kennt, kann das sicherlich auch klap-pen.

AIM: Welche vorbereitenden Tätigkeiten gibt es noch?

Hampeter: U.a. das Casting von Nebenrollen und Komparsen, dann die sogenannten Auszüge, d.h. was zum Dreh jeden Bildes von den Requisiten bis hin zu den Special Effects benötigt wird bzw. im Vorfeld getestet werden muß, damit es am Dreh auch funktioniert. Die Regieassistenz ist das Bindeglied zwischen den einzelnen Departements. Man entwickelt so eine Art Vermittlerposition, um zwischen dem Szenenbild, dem Kostümbild und allen anderen Bereichen eine Kommunikation herzustellen. Damit jeder weiß, worüber gesprochen wird. Eine gute Kommunikation ist alles, schließlich ist Film Teamwork.

AIM: Sie müssen also die Absprachen der jeweils anderen Departements kennen?

Kleefeld: Regieassistenz ist vor allen Dingen eine große Kommunikationsleistung. Dabei sind die Interessen der Regie/ Regieassistenz nicht unbedingt andere als die der Produktion. Die angenehmsten Projekte sind die, bei denen diese Interessen nicht auseinanderdriften. Wenn alle das Beste für den Film anstreben, dann kommt man meistens zu einer für alle zufriedenstellenden Lösung. Meistens.

AIM: Nun haben wir die Vorbereitungen abgeschlossen, jetzt kommen die Dreharbeiten. Wie geht das los? Die Regisseurin kommt zum Set und sagt, was gemacht wird?

Kleefeld: Als wir bei "Schluss mit lustig" Casting, Motivbesichtigung, Absprache mit Kostüm, Ausstattungsbesprechung bis zur Requisitenabnahme hinter uns hatten, haben wir eineinhalb Wochen vor Drehbeginn Schauspielproben angesetzt. Das war allein schon notwendig, weil wir mit einem siebenjährigen Jungen gedreht haben. Man kann mit einem Kind in diesem Alter eigentlich nicht mehr als vier Stunden am Drehort arbeiten.

AIM: Aus rechtlichen Gründen.

Kleefeld: Auch aus rechtlichen Gründen. Aber es ist allein schon von der Konzentration her für so einen jungen Menschen eine Wahnsinnsleistung. Die Probenzeit war für mich die allerbeste und wichtigste Vorbereitung für meinen ersten Dreh als Regisseurin. Allein schon, weil wir später am Set wenig grundsätzliche Gespräche darüber hatten, warum jetzt wer, wohin, warum und wie fühlt, ist, sich bewegen soll. Wir hatten uns einfach schon vieles in der Probenzeit erarbeitet.

"Schluss mit lustig"


AIM: Die Proben waren eine Sondersituation?

Kleefeld: Es ist sicher nicht unbedingt üblich, weil Probenzeit Geld kostet. Man braucht einen Raum, in dem man proben kann. Die Schauspieler brauchen Hotelunterkünfte. Das sind zusätzliche Kosten, die Produktionen nicht gerne zahlen. Und bei vielen Produktionsstrukturen, wie Serien, ist es auch organisatorisch gar nicht möglich. Dabei ist es wünschenswert, weil man so viel Zeit bei den Dreharbeiten sparen kann. Wenn man das wieder in Geld umrechnen würde, rentiert es sich absolut.

AIM: Das ist aber eine andere Kalkulationsform.

Kleefeld: Wenn dreißig Leute Stunden rumstehen und warten, kostet das Zeit, natürlich bezahlte Zeit. Was kostet das allein an technischem und personellem Apparat!? Wenn das zudem noch Überstunden sind?! Von den Nerven mal ganz abgesehen. Wenn man da einen Probentag mit Schauspielern gegenrechnet, ist klar, was mehr kostet!

AIM: Die Regie hat schon den Fokus eher auf den Schauspielern?

Kleefeld: Regie ist für mich ein künstlerischer Handwerksberuf. Je länger ich als Regieassistentin gearbeitet habe, desto größer wurde mein Respekt vor dem Regieberuf. Wenn die Regie den Fokus "nur" auf den Schauspielern haben würde - was beim Dreh in dem Moment der Aufnahme natürlich so ist - würde sie nur die Hälfte des Jobs machen.

AIM: Was ist die andere Hälfte?

Kleefeld: An der Geschichte zu bleiben, eine Idee zu verwirklichen, zu motivieren, zu strukturieren, klar zu kommunizieren, was man will, natürlich mit Unterstützung der Assistenz. Und das Ganze in einem klar abgesteckten Rahmen. Die Regie trägt Mitverantwortung für die Arbeitsbedingungen, für das Team und die Schauspieler und dafür, dass man ein gutes Produkt herstellt. Aber sie hat auch die Verantwortung, Entscheidungen für das Projekt so zu fällen, dass diese Entscheidungen die Firma nicht in den Konkurs treiben. Das alles einzulösen ist schwer.

AIM: Jetzt kommen wir unweigerlich zum ersten Drehtag.

Kleefeld: Wohin man immer nicht will... (lacht)

AIM: Die Regie weiß, was sie an dem Tag aufnehmen will? Und die Assistenz muss dafür sorgen, dass alles organisatorisch klappt?

Kleefeld: Der Kameramann Rainer Klausmann und ich hatten Hausaufgaben gemacht, das Drehbuch aufgelöst. So wusste man am ersten Drehtag, welche Einstellungen in welche Richtung gedreht werden sollen. Als dann erstmal die erste Einstellung im Kasten war, konnte ich etwas ruhiger atmen.

AIM: Was haben Sie denn vermutet, was passieren würde?

Kleefeld: Ich habe Alpträume vor dem Dreh gehabt. Und habe mich dann jeden Morgen gefreut, dass alle wieder da sind.

AIM: Was sind denn die Alpträume? Bei einem Schauspieler ist der klassische Alptraum, dass er den Text vergisst.

Kleefeld: Ich habe gedacht, ich bin die Einzige, die zum Set kommt. Da stehen die verwaisten Produktionsfahrzeuge und sind abgeschlossen. Ich gucke auf die Dispo, ich bin zur richtigen Zeit da und meine Uhr geht auch und - keiner ist da.

AIM: Was sind die Alpträume einer Regieassistentin?

Hampeter: Die Alpträume einer Regieassistentin sind die gleichen: Dass ein Fahrer verschläft, der Schauspieler nicht da ist, der Kameramann im Stau steckt.....

AIM: Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte?

Hampeter: Wenn ein Requisit nicht da ist, läßt sich das eigentlich immer beheben. Wenn der Kameramann, die Regie oder der Schauspieler nicht da ist, kann man das doch schwer ersetzen. Etwas Unvorhergesehenes kommt immer, darauf sind wir geeicht. Das ist auch das Faszinierende und das Spannende, auch wenn es immer wieder ein Nervenkitzel ist.

AIM: Ich habe jetzt gelernt, die Vorbereitung ist alles!

Kleefeld: Ist es auch. Man macht eigentlich zwei Filme. Den ersten Film macht man in der Vorbereitung. Der zweite Film sind dann die Dreharbeiten. Als Regie hat man das große Glück, dass man den dritten Film im Schneideraum macht.

AIM: Abgesehen von organisatorischen Notwendigkeiten - gibt es eine Dramaturgie in den Dreharbeiten?

Hampeter: Idealerweise ist ein Drehplan natürlich so gesteckt, dass er chronologisch ist. Nur ist ein Drehbuch in viele Motive aufgeschlüsselt, die sich nicht chronologisch durchs Buch ziehen. Aus Zeit- und Kostengründen werden daher Motive abgedreht und nicht die Bilder nacheinander, so entsteht ja nun mal leider eine "Durcheinanderfolge". So sind einem durch viele Faktoren oft die Hände gebunden. Worauf man aber immer achtet, ist der erste Tag, der inhaltlich möglichst einfach sein sollte und an dem man vielleicht Dreiviertel des sonstigen Pensums dreht. Das ist schon ein kürzerer Tag, ein Tag des Ankommens, des Miteinander-Vertrautwerdens, des Warmwerdens.

AIM: Wird der Drehplan so entworfen, dass emotional komplizierte Szenen, in denen mehr Sicherheit bei den Schauspielern sein muss, nicht gleich am Anfang gedreht werden?

Kleefeld: Ja. Weil Schauspieler und Regie am ersten Drehtag noch nicht sagen können: "Wir setzen jetzt den emotionalen Level eines Charakters (wenn wir zum Beispiel die Szene mit dem emotionalen Höhepunkt am ersten Tag zu drehen hätten) genau da an."

"Schluss mit lustig"


AIM: Ändert sich von der Planung bis zu den Dreharbeiten viel? Abgesehen von Notsituationen?

Kleefeld: Täglich. Indem es Ideen gibt. Indem es einen tollen Vorschlag gibt. Wenn sich im Zusammenspiel von Schauspielern etwas ergibt. Man muß damit rechnen und immer bereit sein, auf Unvorhergesehenes und Neues zu reagieren.

AIM: Wer darf Vorschläge machen? Es gibt Regisseure wie Hitchcock, der fast eingeschlafen ist beim Drehen, weil er so genau geplant hatte. Die Kamera darf Vorschläge machen, die Schauspieler? Die Assistenz auch?

Kleefeld: Dürfen ist, glaube ich, das falsche Wort. Das Problem besteht darin, wenn dreißig Leute miteinander arbeiten, und jeder würde zu jeder Zeit reden und Vorschläge machen, dann könnte man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen.

Hampeter: Meist ist die Regieassistenz der Filter. Das hat nichts mit der Person des Regisseurs oder der Regisseurin zu tun, aber es ist einfach ein Gesetz, dass man die Regie in Ruhe lässt. Dafür gibt es eine Assistenz, zu der man kommen und sagen kann: "Hör mal, ist das nicht falsch" oder "Wie wäre es, wenn..." Es ist ein kreativer Prozess. Wenn ein Team Vorschläge macht und gute Ideen hat, bedeutet es, dass die Leute Spaß am Buch, Spaß an der Arbeit haben, mitfiebern und involviert sind. Dann hat man ein Team gepackt.

Kleefeld: Manche Sachen ergeben sich einfach so. Überlegungen von Schauspielern zur Figur oder zum Text, Anmerkungen der Kamera, inhaltliche Fragen, die neue Ideen wecken. Jede Kleinigkeit ist da wichtig. Wenn man zum Beispiel morgens ans Set kommt und jemand sagt: " Ich habe noch mal eine andere Frisur ausprobiert" oder "Diese Jacke habe ich noch entdeckt, wenn wir die andrehen, brauchen wir die allerdings auch dann und dann." Oder wenn Requisiten angeboten werden. Dadurch zeichnen sich tolle Mitarbeiter aus.

AIM: Was sind während der Dreharbeiten Stresssituationen? Was sind klassische Auseinandersetzungen?

Kleefeld: Eine Notsituation ist immer, daß man mit der Zeit hängt oder das Licht weggeht. Das ist eine Situation, in der alle gemeinsam an einem Strang ziehen müssen.

AIM: Welche Rolle hat da die Regieassistenz?

Hampeter: Grundsätzlich ist die Funktion der Regieassistenz, der Regie den Rücken frei zu halten und insofern alle Stressmomente, die über das Team, die Produktionsleitung herangetragen werden, erst mal selbst zu regeln.

AIM: Die Regieassistenz als eine Art Kummerkasten. Welche klassische Regieaufgaben kann eine Regieassistentin übernehmen? Zum Beispiel Komparsen inszenieren? Bei "Campus", wo Sie noch Regieassistenz gemacht haben, gibt es eine Szene mit vielen Studierenden im Hörsaal...

Kleefeld: Die hatte ich "inszeniert" - in Anführungszeichen. Komparsen inszenieren gehört immer zur Tätigkeit der Regieassistenz, in Absprache mit der Regie.

AIM: D. h. bei allen Massenszenen: Feste, Partys...

Kleefeld: Ja. Natürlich auch in Absprache mit der Kamera. Was braucht die Kamera, was braucht man an Wischern oder Kreuzern, weil man sich schon eine bestimmte Montage überlegt hat. Damit man umschneiden kann in eine andere Einstellung.

Hampeter: Zu den Komparsen zählen auch die sogenannten Kleindarsteller. Je nach Absprache gehört der Hintergrund zum Aufgabenbereich der Regieassistenz.

Kleefeld: Wir haben ja ein gutes Beispiel. Bei "Das Experiment" habe ich die erste Regieassistenz gemacht und Ulrike Hampeter die zweite. Es gab im Gefängnis zehn Nebenrollen. Die zehn Hauptrollen "gehörten" Oliver Hirschspiegel, die zehn Nebenrollen "gehörten" uns. Es war so, dass die Zwanzig den ganzen Tag unten im Knastset verbracht haben, in ihren Zellen oder davor, und fast immer im Bild waren. Allein schon dadurch, dass Gitter blickdurchlässig sind.

AIM: Gibt es bei den Dreharbeiten zwischen den Komödien und den dramatischen, aufregenden Geschichten einen Unterschied? Ist das eine unterschiedliche Atmosphäre am Set, ob das "Experiment" gedreht wird oder eine lustige Geschichte wie "Männerpension"?

Kleefeld: Die Atmosphäre am Set hat sehr viel mit Persönlichkeiten zu tun. Persönlichkeiten der Regie, der Kamera, der Schauspieler, der Assistenz, der Teammitglieder. Ob es gute "Chemiker" in einem Team gibt. Aber auch mit dem Buch und dem Drehort. Wenn man wie beim "Experiment" fast fünf Wochen lang an einem Motiv dreht und zwanzig Schauspieler und dreißig Teamleute ein soziales Verhalten ähnlich wie im Knast an den Tag legen müssen, dann spiegelt sich das natürlich auch in der Stimmung wider, ist das für Schauspieler und Team anstrengend.

AIM: Mussten Sie bei dem "Experiment" die zehn Nebenrollen immer wieder motivieren?

Kleefeld: Wir haben besprochen, wie sie sich entwickeln. Damit auch sie einen Charakter entwickeln konnten. Denn im Buch werden nur die Rollen explizit benannt, die eine Aktion und einen Dialog haben. Auch das Casting haben wir für die zehn Nebenrollen gemacht, das war eine sehr interessante Arbeit.

AIM: Was haben Sie da gemacht mit denen?

Kleefeld: Wir haben unter anderem probiert, zu was sie bereit sind, wie weit sie gehen, wie weit man mit ihnen gehen kann, wie weit sie auch in extremeren Situationen in einer Rolle bleiben können. Allein schon, um ihnen klarzumachen und sie darauf vorzubereiten, dass es harte Szenen geben würde. Also wie belastbar ist jemand, auch wie eitel? Und davon abgesehen natürlich erstmal, was hat er schauspielerisch drauf.

AIM: Die Psychosituation wurde beim Casting vorempfunden.

Hampeter: Kleindarsteller sind durch den Text in das Buch eingebunden, sie haben eine andere Motivation als Komparsen. Wenn vierzig oder hundert Leute in einer Bar zum hundertsten Mal tanzen müssen - das ist eine große Leistung. Weil sie wenig vom Drehbuch wissen und nur an einem Tag kommen.

AIM: Wenn wir jetzt den großen Sprung ans Ende der Dreharbeiten machen - mit dem Abschluss der Dreharbeiten ist auch die Arbeit der Regieassistenz beendet?

Hampeter: Ja.

AIM: Frau Kleefeld, Sie haben eben gesagt, beim Schnitt entsteht der Film zum dritten Mal.

Kleefeld: Man kann mit demselben Material unterschiedliche Geschichten erzählen. Man kann Hauptfiguren zu Nebenfiguren, man kann Nebenfiguren zu Hauptfiguren machen, ganz unterschiedliche Perspektiven einnehmen, andere Stimmungen erzeugen, neue Akzente setzen.

AIM: Die Cutterin sieht mit einem neuen Blick auf die gedrehten Szenen?

Kleefeld: Andrea Mertens war auch zwei Mal oder drei Mal am Drehort, wollte auch nicht häufiger hin, um sich richtigerweise den frischen Blick auf das Material zu bewahren.

AIM: Wer hat das letzte Wort? Die Regie?

Kleefeld: Offiziell nur, wenn im Vertrag der Regie der Finalcut zugestanden wird.

AIM: Wird die Musik vorher komponiert? Hat man bestimmte Vorstellungen, was da für eine Farbe es ergeben soll?

Kleefeld: Bei "Schluss mit lustig" haben wir keine extra für den Film komponierte Musik genommen, da hat Arne Feldhusen die Musikberatung gemacht. Wir haben den gesamten Film mit Fremdmusiken unterlegt, was natürlich beim Fernsehen, solange die Titel bei der GEMA gelistet sind, auch möglich ist. Fürs Kino hätten wir diese Musiken nicht nehmen können, weil wir uns das nie hätten leisten können.

AIM: Wann sieht die Regieassistentin den fertigen Film zu ersten Mal?

Hampeter: Es gibt immer eine Teampremiere. Wenn der Regisseur in der Stadt schneidet, in der man lebt, sieht man oft auch die Rohschnittfassung und wird gefragt: "Wie siehst du das, funktioniert das für dich?" Einen Film zu beurteilen, an dem man mitgearbeitet hat, den man selbst viele Wochen "gelebt" hat, ist aber immer sehr schwer. Weil man bei jedem Zuschauen unwillkürlich tausende Situationen noch mal durchlebt, die hinter der Kamera abgelaufen sind.

AIM: Was sind die Anforderung für diese beiden komplexen Berufe? Was sollen Leute mitbringen, die das machen wollen?

Kleefeld: Es sind erst mal zwei ganz unterschiedliche Berufe.

AIM: Regieassistenz ist nicht die Vorbereitung zur Regie, sondern ein eigenständiger Arbeitsbereich? Was muss man dafür können?

Kleefeld: Kommunikationsfähigkeit, Organisationstalent, Teamgeist.....

AIM: Disziplin?

Hampeter: Ja, unbedingt.

AIM: Sie haben jetzt ja beide einen geisteswissenschaftlichen Studium und der Regieverband empfiehlt das auch. Kann man dadurch Stoffe besser beurteilen, dramaturgische Bögen schneller sehen?

Kleefeld: Das ist ja nicht unbedingt das, was in geisteswissenschaftlichen Studiengängen vermittelt wird. Ich glaube aber, dass wissenschaftliches Arbeiten, der disziplinierte und tiefgreifende Umgang mit einem Thema, grundsätzlich von Vorteil ist.

AIM: Profitieren Sie von Ihrem Germanistik-Studium in irgendeiner Form?

Hampeter: Davon profitiert man immer. Ich würde jedem empfehlen zu studieren, denn arbeiten kann man noch lange genug. Das ist die einzige Zeit, die man für sich hat und in der man was für sich machen kann. Und es ist auch von Vorteil, wenn sich die Lebenspläne vielleicht noch mal ändern - weil man eine Familie will oder mal in einem anderen Bereich arbeiten möchte.

AIM: Das würde bedeuten, dass Sie das meiste, was Sie für Ihren Job brauchen, am Set gelernt haben?

Kleefeld: Erstmal in Bezug auf Regieassistenz. Man kann diese nicht aus dem Stand ausführen, zum Film kommen und sagen, ich mache jetzt mal Regieassistenz. Dazu gehört eine gehörige Portion an theoretischem und praktischem Fachwissen, auch über die anderen Abteilungen und deren Arbeitsfelder.

AIM: Wenn Sie sich die Assistenz der Assistenz aussuchen können, wonach suchen Sie Praktikanten aus?

Hampeter: Wünschenswert ist immer Set-Erfahrung, dass jemand die Abläufe kennt. Wenn das nicht der Fall ist, ist es wichtig, dass jemand Begeisterung und Liebe zum Beruf mitbringt. Das merkt man ziemlich schnell. Das Wesentliche ist, offen und teamorientiert zu sein. Ich hatte gerade einen Schülerpraktikanten, als der sich vorgestellt hat, da habe ich ihm klar gemacht, daß das nicht sechs Stunden Schule sind. Das Wichtige ist, dass jemand mit offenem Blick durchs Set läuft und auch mit anpackt, wenn Not am Mann ist, wenn es auch mal nicht zu seinem Tätigkeitsbereich gehört. Man kriegt automatisch mit, wenn jemand mit Lust und Begeisterung bei der Sache ist.

AIM: Wie viel Zeit muss man einplanen, bevor man als etablierte Regieassistenz arbeiten kann?

Kleefeld: Es kommt darauf an, bei welchen Produktionen man in welcher Funktion arbeitet und wie viel und wie gut man von den Mitarbeitern dort lernen kann. Ich weiß, wie schwierig es allein schon ist, einen guten Praktikumsplatz zu bekommen, bei dem man nicht an der dritten Absperrung mit der Kaffeekanne steht, sondern ein bißchen mehr mitbekommt wie zum Beispiel als Videooperator. Deswegen kann man nicht allgemein sagen: "Mach soundso lang Praktikum und dann guck mal, ob du Skript machen kannst.".

AIM: Also zwei, drei Jahre an Erfahrung, die man in wechselnden Positionen sammelt?

Kleefeld: Ich habe das gebraucht, Minimum. Das ist ein Superminimum. Eigentlich braucht man länger, bis man den Job der ersten Regieassistenz wirklich ausfüllen kann. Allein damit man für alle anderen Bereiche eine Hilfe und keine Last ist. Ich glaube, da braucht man schon drei Jahre Filmerfahrung oder ist das übertrieben?

Hampeter: Zwei Jahre, aber es ist wirklich davon abhängig, was man bei den Praktika mitbekommt. Manche Leute haben eine sehr rasche Auffassungsgabe und entwickeln sehr schnell einen Blick dafür, was wichtig ist und weniger wichtig. Manche brauchen halt ein bisschen länger.

AIM: Wir erleben, dass sich junge Leute bewerben und wollen gleich Regieassistenz machen, weil sie vermuten, die Regieassistenz sei die Einsteigerposition.

Kleefeld: Das Dumme ist, dass das Wort "Assistenz" das impliziert.

Hampeter: Häufig vermutet man, das ist der Weg zur Regie, aber das ist ja de facto ein eigenständiges Berufsbild. Die wenigsten Regisseure wissen, was eine Regieassistenz macht, und können einen Drehplan stecken.

AIM: Tatsache?

Hampeter: Ist so, ja!

AIM: Die verlassen sich auf eine Assistenz, deren Arbeit sie gar nicht beurteilen können...?

Hampeter: Ja, genau.

AIM: Wie viele Regieassistenten wollen Regisseure werden?.

Hampeter: Ich glaube, ein Viertel der Assistenten sieht es als Sprungbrett zur Regie.

Kleefeld: Bei denen, die ich kenne, war es so, dass sie das Angebot erhalten haben. Genau wie bei mir. Ich habe nie gehört, dass jemand gesagt hat, ich mache Regieassistenz eigentlich nur, um Regie zu machen. Um noch mal darauf zurückzukommen, was man wo lernt. Ich glaube nicht, dass es zwingend für Regie ist, den Weg über die Regieassistenz zu gehen. Auch wenn man viel aus diesem Beruf mitnehmen kann. Es ist nicht der übliche Weg. Der führt eher klassisch über die Filmhochschulen.

AIM: Gibt es festere Arbeitsstrukturen?

Kleefeld: Jede Regie hat eine eigene Sicht darauf, was sie von einer Regieassistenz erwartet. Es kommt auch darauf an, wie man persönlich miteinander klarkommt, wie kompatibel der Arbeitsstil ist. Da harmonieren Regie und Assistenz mal besser, mal weniger.

Hampeter: Das sollte man eigentlich immer im Vorfeld besprechen. Neben den klar definierten Aufgaben gibt es natürlich immer auch Bereiche und Erwartungen, die von Regie zu Regie variieren.

Kleefeld: Regie und Regieassistenz haben allein zeitlich schon einen völlig anderen Arbeitsrhythmus: Als Regie war ich mit dem Film sieben Monate und Ulrike Hampeter als Assistenz dreieinhalb Monate beschäftigt. Da ist es so, dass es manchmal zwei Jahre dauert, bevor die Regie wieder mit derselben Assistenz zusammenarbeiten kann. Die Regieassistenz steckt häufig schon in anderen Dreharbeiten und ist nicht mehr frei, denn sie kann nicht ein oder zwei Jahre warten, bis die Regie wieder ein Projekt angeht oder ein Buch geschrieben hat.

AIM: Regieassistenten machen einfach mehr Filme?

Kleefeld: Ja.

AIM: Wenn man sich Jahrbücher anguckt, bekommt man den Eindruck, es gibt mehr Assistentinnen und mehr Regisseure. Frauen sind mehr in der assistierenden, dienenden Funktion. Ist das ein Vorurteil oder ist das die alte Schule, die man langsam abschafft?

Kleefeld: Es wird immer noch kolportiert, dass der Beruf der Regieassistenz aus Kaffeebecherreichen und Drehbuchhalten besteht.

AIM: Aber wenn Kommunizieren so wichtig ist, ist das etwas, was Frauen besonders gut können?

Hampeter: Ich höre von Regisseuren häufig, dass sie gerne eine Assistentin haben, weil es verschiedene geschlechtsspezifische Sichtweisen gibt. Da will der Mann die Sicht der Frau wissen: "Siehst du das auch so oder ist das kitschig?" Wenn eine Frau die Regie macht, ist häufig ein Mann Regieassistent. Ich weiß nicht, ob das immer der Grund ist, aber es ist ein plausibler, finde ich.

AIM: Ein ehrenwerter Grund.

Kleefeld: Ist nachvollziehbar. In letzter Zeit gibt es immer mehr männliche Regieassistenten. Ich glaube, dass der Beruf an Attraktivität gewonnen hat, weil die Anforderungen an die Assistenz immer größer und breitgefächerter werden.

AIM: Es gibt Äußerungen, zum Beispiel bei einer Umfrage zu Frauen in der NRW-Produktion, dass immer noch Produzenten durch die Welt laufen, die meinen, Frauen hätten für die Regie nicht genug Autorität. Wenn ein hohes Budget zu verwalten ist, dann befürchten diese Produzenten, dass Frauen weinend zusammenbrechen, wenn Konflikte auftauchen. Ist das ein Vorurteil, dem Sie auch begegnet sind?

Kleefeld: Ich kenne Frauen, die sehr gut Verantwortung übernehmen können und ich kenne Frauen, die es nicht können. Männer genauso. Ich kann das nicht geschlechtsspezifisch festmachen, ich glaube aber, dass das in den Köpfen stark verankert ist, allein schon durch die Wahrnehmung. Wenn eine Frau anfängt zu schreien, heißt es, die ist hysterisch. Wenn ein Mann anfängt zu schreien -dann heißt das erstmal nicht schreien, sondern brüllen- dann ist das der Löwe und der setzt sich durch. Das ist Wahrnehmung, das hat mit Gestik, mit Mimik, mit Konnotation, mit den Stimmfrequenzen der unterschiedlichen Geschlechter zu tun. Ich glaube, dass es auch heute noch so ist, dass ein Mann eher als Chef oder Vorgesetzter oder als Leithammel akzeptiert wird als eine Frau. Dabei kommt es doch vor allem erstmal darauf an, wie man die Rolle der Regie überhaupt definiert. Ob man sagt, die Regie ist der Oberbestimmer, der Löwe und der Cäptn. Oder: die Regie macht unabhängig von irgendwelchen hierarchischen Rollenspielchen erstmal ihre Arbeit. Und ich bin überzeugt, dass diese Arbeit Frauen genau so gut machen können wie Männer.

AIM: Ich danke für das Gespräch!

Das Gespäch für AIM führte Anne Schulz.
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